Erzbischof Kumuondala: „Erste Welt“ schürt den Krieg im Herzen Afrikas
Ausgabe: 1999/37, Afrika, Kumuondala
14.09.1999
- Walter Achleitner
Seit einem Jahr tobt in Kongo-Zaire ein blutiger Krieg. Die Tragödie im Herzen Afrikas ist um ein Vielfaches größer als im Kosovo, meint Erzbischof Kumuondala im Gespräch mit der Kirchenzeitung. Doch die „Erste Welt“ greift nicht ein, weil sie vom Krieg profitiert.
Seit einem Jahr tobt im Herzen Afrikas Krieg. Wer führt ihn?
Kumuondala: Nicht die Bevölkerung im Kongo. Es sind vielmehr jene, die die Macht an sich reißen wollen; und sie werden vom Ausland unterstützt. Wenn es wirklich nur eine Rebellion im eigenen Land gewesen wäre, wie es vor einem Jahr hieß, dann hätte das nicht lange gedauert. Aber die Menschen wissen nicht, warum dieser Krieg geführt wird.Präsident Laurent Kabila hat am Anfang gesagt, die Tutsi – Ruanda und Uganda – wollen uns zu ihren Sklaven machen. Das hat die Bevölkerung so weit gebracht, dass sie sich am Krieg beteiligen.
Aber anfänglich haben diese Staaten Kabila unterstützt?
Kumuondala: Ja, Uganda, Ruanda und Burundi haben ihn gestützt, um Mobutu aus dem Land zu verjagen. Dann sind deren Soldaten im Kongo geblieben. Unser Volk war nicht zufrieden mit ihrer Anwesenheit und Kabila wollte sie zurückschicken. Daraus resultiert der Krieg. Die wirklichen Kriegstreiber aber sind sowohl die USA als auch der Westen, aber nicht wir Afrikaner. Sie wollen mit Hilfe dieser afrikanischen Länder Präsident Kabila wieder loswerden, weil er nicht nach ihrer Pfeife tanzt. Die USA hatten vor allem erwartet, dass nach Mobutus Sturz der viertgrößte Staat Afrikas auseinander fällt. Allerdings nach dem Machtwechsel in Kinshasa hat auch der neue Präsident auf die Einheit des Landes gesetzt.
Welche Rolle spielen in diesem Krieg die reichen Bodenschätze des ehemaligen Zaire?
Kumuondala: Man spricht bereits vom „Diamanten-Krieg“. Freilich wird der Verkauf von Diamanten auch zur Finanzierung des Krieges herangezogen. Aber eigentlich ist es eine gute Gelegenheit für die „Erste Welt“. Denn das ist eine der ganz praktischen Folgen des Krieges, dass es keine Kontrolle mehr gibt. Alle wollen Uran und Kupfer, Kobalt und Diamanten. Selbst wenn dieser Krieg im Kongo beendet werden sollte, wird es immer wieder neue Kriege bei uns geben, weil der Westen davon profitiert!
Kongo oder Kosovo?
Im Kosovo hat der Westen mit allen militärischen Mitteln eingegriffen. Der Krieg im Kongo ist in Europa höchstens eine Randnotiz. Lassen sich die beiden Situationen vergleichen?
Kumuondala: Es geht ganz einfach um das Gefühl der Zugehörigkeit. Kosovo liegt in Europa, wir gehören nicht zu Europa. Die Großmächte, die sich im Kosovo eingeschaltet haben, planen die Friedenssicherung aufgrund eigener Interessen. Ein Krieg in Europa muss beendet werden, weil er gleichzeitig eine Gefahr ist und zur Bedrohung für alle wird. Das geschieht nicht aus einer Überzeugung, dass der Friede oder das gegenseitige Verstehen einen Wert haben. Da sind ganz andere Interessen im Spiel. Denn würde es nur darum gehen, den Menschen zu helfen und den Wert eines jeden Menschen zu schützen, dann würden die Mächtigen überall auf gleiche Weise helfen, auch im Kongo. Ein Beispiel ist Kuweit. Wäre Saddam Hussein nicht gestoppt worden, hätte die „Erste Welt“ einen Schaden davongetragen. Die Supermächte sind eingeschritten, um das Erdöl zu retten und nicht die Menschen in Kuweit.
Gibt es Schätzungen, wie viele Menschen in diesem Krieg im Kongo umgekommen sind?
Kumuondala: Es ist schwer zu sagen, denn es geht nicht nur um die im Kampf Gefallenen. Es gibt ja so viele, die auf der Flucht sind, die keine Medikamente und keine medizinische Betreuung erhalten, die hungern, allen Gefahren des Urwaldes ausgeliefert sind. Wie viele dadurch gestorben sind, das hat niemand im Überblick und das kann auch niemand schätzen.
Das heißt, die Tragödie im Kongo ist größer als im Kosovo?
Kumuondala: Ja, ganz sicher!
Die Kirche in Europa
Welche Aufgaben sollte die Kirche in Europa wahrnehmen?
Kumuondala: Die westlichen Bischöfe und Kirchen könnten in aller Klarheit sprechen. Das zu tun wäre für uns viel gefährlicher, denn wir sind in unserer Freiheit beschnitten. Sie hingegen könnten bei ihren Staaten und den Verantwortlichen Fürsprache einlegen für den Kongo. Es sollte doch im Interesse der ganzen Kirche sein, dass sich Afrika entwickelt. Wie soll das aber geschehen, wenn aufgrund wirtschaftlicher Interessen der Reichen bei uns ständig Kriege geführt werden.In erster Linie sollte jedoch der Verbreitung der sogenannten „kleinen Waffen“ ein Riegel vorgeschoben werden. Der Krieg im Kongo wird nicht mit Panzern und schweren Geschützen geführt, sondern von Mann gegen Mann. Allein in Afrika gibt es Schätzungen zufolge rund fünf Millionen Kalaschnikow. Sie werden gehandelt – frei, und ohne Kontrolle. Ja, in vielen Ländern wird das nicht einmal als Waffenexport bezeichnet. Ähnlich wie sich die Kirchen in Europa für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzen, so könnten sie Initiativen ergreifen gegen „kleine Waffen“, die aus unserer Sicht zu den größten Übeln der Menschheit zählen.