Nicht maximale, sondern optimale Medizin ist nötig
Moraltheologe Renöckl über Ethik in der Medizin
Ausgabe: 1999/38, Renöckl, Medizin, Ethik
21.09.1999
- Martin Kranzl-Greinecker
Herr Dr. Renöckl, Sie haben kürzlich bei einem Kongress in Linz vor 1.200 Intensivmedizinern gesprochen. Worum ging es dabei und was haben Sie als Moraltheologe dort zu sagen?
Renöckl: Erstmals beschäftigte sich bei einem Kongress von Intensivmedizinern eine Hauptsitzung mit dem Thema Ethik und Medizin. Im Wesentlichen ging es um die Bewertung konkreter Fälle angesichts der Frage: „Leben unter medizinischem Höchsteinsatz verlängern oder das Sterben zulassen?“ Diese zentrale, lebensentscheidende Frage wird häufig von unsicheren und unberechenbaren Faktoren begleitet. Weil Diagnose und Therapie immer mehr Möglichkeiten bieten, sorgt die Entscheidung „Aufhören oder Weitermachen“ für enormen Druck beim behandelnden Arzt. Vor dreißig Jahren gab es diesen Druck noch kaum. Die Möglichkeiten waren oft mit dem Inhalt der Arzttasche erschöpft und man stellte sich auf das Sterben ein.
Gehen Mediziner/innen leichtfertig mit diesen Fragen um? Verdrängen sie den Tod?
Renöckl: Ich werde mich hüten, der Medizin etwas von Seiten der Kirche auszurichten. Die Kirche hat im gesamten Bereich der Wissenschaft ihr Kapital weitgehend verloren, weil viele Kirchenleute ohne fachliche Kompetenz argumentieren und nicht auf der Höhe der Zeit stehen. Zur Frage nach dem Tod: Es stimmt, dass unsere Gesellschaft von der Medizin die Beseitigung von Leid und Tod verlangt. Bis zu einem gewissen Grad gelingt ihr ja das auch, doch ein Anspruch auf die grenzenlose Freiheit von Leid ist nicht zu setzen.
Der Anspruch wird aber gestellt?
Renöckl: Diese Hoffnung einer technikhörigen Generation wurde längst enttäuscht. Nicht erst jetzt anläßlich aktueller Vorfälle – werden Grenzen medizinischen Könnens sichtbar. Es gibt einfach keine absolute Sicherheit der Heilung, wie manche Patienten oder Angehörige sich das wünschen. Vom christlichen Standpunkt her würde ich sagen, dass die Erfahrung der Begrenztheit sehr kostbar sein kann. Wer angesichts von Leid und Tod einen Horizont der Hoffnung hat, der geht anders an die Grenzen des Lebens heran – belastbarer und gelassener.
Ihr Wunsch an die Medizin? Wo liegen künftige Berührungspunkte von Ethik und Medizin?
Renöckl: Sicher geht es um eine Ausbildungsreform der Mediziner/ innen. Daran arbeitet man und man geht über vom Faktenwissen zur patientennahen Behandlung an der Bettkante. Daneben braucht es berufsbegleitende Angebote, bei denen in vertrauensvoller Atmosphäre konkrete Fälle besprochen werden. In jedem Fall aber ist der Weg von der Maximal- zur Optimalmedizin zu gehen. Dorthin will die Ethik begleiten. Im Mittelpunkt dieser Medizin steht der ganze Mensch samt seinem Beziehungs- und Lebensumfeld.
Ethikinstitut
Medizinische Ethik ist ein Teilbereich des Ethikinstituts, das im Pastoralamt der Diözese Linz (organisatorisch mit der Theologischen Erwachsenenbildung verbunden) beheimatet ist. Daneben beschäftigt man sich im Ethikinstitut u. a. mit Fragen des Wertewandels, der Gentechnologie, der Informatik und Kommunikationstechnik. – Ansprechpartner sind vor allem Interessenten aus Wirtschaft und Forschung, die den Austausch über ethische Fragen suchen. In der Medizinischen Ethik passiert dieser Autausch in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Pflegepersonal, sowie bei Fortbildungsseminaren (gemeinsam mit der Medizinischen Gesellschaft und der Academia Medicorum).