Erklärung der deutschen Kirchen: „Menschen brauchen den Sonntag“
Ausgabe: 1999/38, Sonntag, Finette
21.09.1999
- Hans Baumgartner
In einem gemeinsamen Wort haben die evangelische und katholische Kirche Deutschlands gegen die schleichende Aushöhlung des Sonntags aufgerufen.
Noch vor einem Jahr meinte der evangelische Betriebspfarrer Hans Finette aus Wolfsburg zur Kirchenzeitung: „Was die Aktionen für den arbeitsfreien Sonntag angeht, da ist uns Österreich ein gutes Stück voraus. In unseren Kirchen stehen wir da ziemlich am Anfang.“ Die Situation hat sich in den vergangenen Monaten – auch unter dem Druck der Ereignisse – geändert: Seit Donnerstag vergangener Woche gibt es in Deutschland eine gemeinsame Erklärung der beiden großen Kirchen zum Schutz des Sonntags. In Österreich fehlt dieser gemeinsame Aufruf bis heute. In ihrer Erklärung „Menschen brauchen den Sonntag“ nehmen sich die Kirchen Deutschlands kein Blatt vor den Mund. Derzeit, so schreiben sie, drohe ein Flächenbrand zu Lasten der Menschen. Eine „Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft“, in der das wirtschaftliche Kalkül alle Lebensbereiche bestimme, sei bedrohlich und koste einen hohen Preis. Persönliche Zeit, Familienleben und Gemeinschaftsleben gerieten in den Sog von Angebot und Nachfrage. Es drohe eine Teilung der Gesellschaft in Sonntagsverlierer und Sonntagsgewinner.
Reine Nutzenrechnung
Die Kirchen fordern die Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf, für den Schutz des Sonntags und gegen seine schleichende Aushöhlung einzutreten. Gerade in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels sei der Sonntag für die Qualität des menschlichen Zusammenlebens unentbehrlich. Die Kirchen appellieren an die Gesetzgeber auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene, den Schutz des Sonntags entschieden zu sichern und Ausnahmen auf jene Dienste zu beschränken, die im Interesse des Gemeinwohls unbedingt notwendig sind. Die Wirtschaft fordern die Kirchen auf, nicht nur kurzfristige betriebswirtschafliche Nutzenrechnungen zu bedenken, sondern auch den Preis, den Arbeiter und deren Familien durch das gestörte Zusammenleben zu bezahlen hätten. Außerdem könnten Kleinbetriebe bei solchen Entwicklungen nicht mehr mithalten.
Die Christen werden aufgerufen, entschlossen für den Schutz des Sonntags einzutreten sowie durch ihr Verhalten die Bedeutung von Zeit, Besinnung und Ruhe bewusst zu machen und dem Sonntag eine neue Anziehungskraft zu verleihen.
Zur Sache
Entschlossene Gegenwehr
Ausschlaggebend, daß sich die zwei großen Kirchen Deutschlands so rasch auf ein gemeinsames Wort zum Sonntag verständigt haben, war die Entwicklung bei den Ladenöffnungszeiten, sagt der evangelische Betriebsseelsorger Hans Finette.
„In einigen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, Leipzig oder Mecklenburg haben einige große Kaufhausketten die Sonntagsöffnung durchgesetzt und dabei auch die lokalen politischen Gremien überfahren. Diese bedauerliche Entwicklung“, so Pfarrer Finette, „hat auch ihre positive Seite. Wir von der Betriebsseelsorge begrüßen es sehr, daß hier die Kirchen in einer ganz konkreten gesellschaftlichen Frage sehr rasch zu einem gemeinsamen Vorgehen gefunden haben und in dieser Allianz auch Seite an Seite mit den betroffenen Gewerkschaften kämpfen.“Momentan, so Finette, sei die Lage etwas entschärft, weil das Bundesverwaltungsgericht die generelle Ladenöffnung am Sonntag untersagt hat. Es dürfen nur Artikel des touristischen Bedarfs verkauft werden. Eine Ladenhauskette in Leipzig versuche allerdings bereits wieder, dieses Verbot zu unterlaufen. Für Pfarrer Finette ist die Ladenöffnung am Sonntag nur eine Vorhut: „Wenn das einmal akzeptiert wird, dann kommt die Sonntagsarbeit auch in der Produktion. Die Manager träumen ja von der ,atmenden Fabrik‘, wo sie, je nach Auftragslage, produzieren – auch rund um die Uhr die ganze Woche.“
Die neuen Tempel
In einem Interview mit der Zeitschrift „news“ unterstrich der Innsbrucker Bischof Alois Kothgasser die Haltung der Katholischen Arbeitnehmerbewegung Österreichs: „Wenn es uns nicht gelingt, über die Parteien den notwendigen Schutz des Sonntags und damit der Menschen sicherzustellen, dann gibt es keinen anderen Weg als ein Volksbegehren.“ Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner meinte kürzlich in einem „Furche“-Beitrag: „Nicht wenige im Land finden ihr Opium im Kaufen.“ Die Kaufhäuser seien die „neureligiösen Spaßtempel“. Zulehner warnte vor einer Ausdehnung der Einkaufszeiten auf den Sonntag. Damit würde wertvolle Sozial- und Familienzeit durch Einkaufen vernichtet, viele Frauen würden zu Sklaven der Sonntagsarbeit und immer mehr Klein- und Mittelbetriebe würden zum Aufgeben gezwungen.