Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Ein bekannter Satz, der nicht selten als Argument benützt wird, um die Distanz zur Kirche zu rechtfertigen. Man weist dabei oft auf Kirchgänger, deren Lebenswandel um nichts mora-lischer ist als der sogenannter Zöllner und Dirnen.
Doch dieses Gleichnis Jesu zielt in eine ganz andere Richtung. Die Frommen von damals – in unserem Gleichnis die „Hohenpriester und Ältesten“ – waren keine pflichtvergessenen Heuchler. Sie versuchten im Gegenteil das Gesetz peinlich genau zu erfüllen. Doch blickten sie dabei mit großer Selbstgerechtigkeit und Herzenskälte auf all jene, die sich – sehr oft aus Unkenntnis der unzähligen religiösen Gebote und Verbote – nicht an das Gesetz banden.
Was also Jesus hier anprangert ist die falsche Willenserfüllung Gottes durch die Gesetzesfrommen Israels. Er lässt die Werke der Gerechten nicht gelten, weil schon der Ansatz verfehlt ist: Sie meinen, durch Heldentum und Tugend Gottes Heil selbst verdienen zu können. Dabei aber missverstehen sie und missachten sie Gottes weltüberlegene Souveränität und seinen a l l e umschließenden Heilswillen.
Diese Art von Gesetzesfrommen gibt es in der Kirche bis zum heutigen Tag. Und niemand ist bis heute davor gefeit. Denn in diesem Gleichnis fordert Jesus von jedem Gläubigen nichts weniger als in die Tiefen der Demut hinabzusteigen, um sich dort im Wesenskern von Gott verwandeln zu lassen. Das heißt zunächst, mit dem Zöllner zu beten: „Herr, sei mir Sünder gnädig.“ Der Mensch beginnt sich loszulassen, um das wirkliche Leben zu suchen.
Bei diesem Aufbrechen ist zu bedenken, dass man „seinen ganzen Besitz auf seinen Esel packen muss, mit allem emigrieren muss, was man ist, mit seinen Knochen, seinem Geist, seiner Seele, alles muss mit, das Erhabene und das Erbärmliche, die Sündenvergangenheit, die großen Hoffnungen, die gemeins-ten und heftigsten Triebe . . . Alles, alles, denn alles muss durch das Feuer hindurch. Alles muss schließlich integriert werden, damit ein Mensch herauskommt, der mit Leib und Seele in die Erkenntnis Gottes eingehen kann. Gott will ein leibhaftiges Wesen vor sich sehen, das weinen kann, schreien unter der läuternden Gnade; er will ein Wesen, das um den Wert menschlicher Liebe weiß und die Anziehung des anderen Geschlechts kennt. Er will ein Wesen, das den heftigsten Wunsch verspürt ihm zu widerstehen, warum nicht?“ (I. Raguin)
Nur so kann uns Gottes Gnade verwandeln und nur so gelangen wir in das „Reich Gottes“.