Marlene, Lukas, Huzeyir, Kerstin und Jürgen verzehren mit Genuss den Kartoffelbrei, der im Rahmen des Unterrichts in einer 2. Volksschulklasse an der Michael-Reitter-Landesschule gekocht wurde.
Aber nicht nur das Essen ist wichtig, denn der Reporter in der Klasse weckt die Neugier. Dennoch verführt der ungewöhnliche Besuch nicht zum Durcheinander. Die Kinder bleiben ruhig und sind fröhlich, die beiden Lehrerinnen haben keine Probleme mit der Disziplin.
Die beiden Lehrerinnen? Warum zwei?– Wir sind in einer Integrationsklasse! In der Michael- Reitter-Schule, der Landes-Lehranstalt für Hör- und Sehbildung, in Linz wurde vor drei Jahren mit einer besonderen Art des integrativen Unterrichts nach der Montessori-Pädagogik begonnen. Kinder ohne Förderbedarf kommen hierher, wo bis dato nur Kinder mit Förderbedarf unterrichtet wurden, weil sie hör- oder sehbehindert sind. Dieses „Integrieren herinnen“ nennt Direktor Franz Haudum präventive Integration. Denn so werden Kinder zu Botschaftern des Miteinanders, eines unkomplizierten Miteinanders, auch wenn sie aus der Schule sind.
In welche Klasse auch immer der Blick fällt, dieses selbstverständliche Miteinander ist spürbar. Etwa in der ersten Klasse, in der gerade Philipp unter Anteilnahme aller Kinder Geburtstag feiert. Oder in der 3. Klasse, in der mir die Lehrerin Michaela Lauth erzählt, dass sich Kinder auch ausserhalb des Unterrichts gegenseitig besuchen. Der zweite Lehrer, Erich Gusenbauer, bespricht während dessen mit den Kindern die Hausübung. Er trägt bei sich einen Sender. Die hörgeschädigten Kinder haben die dazupassenden Empfänger. So können sie den Ausführungen ihrers Lehrers folgen. Und wenn sich die Schüler/innen miteinander unterhalten, sprechen sie deutlich und wiederholen notfalls.
Auch in der vierten Klasse bei Silvia Kitzmantel und Gertrude Dirnberger werden – wie in den anderen Klassen –20 Kinder, davon fünf hörgeschädigte unterrichtet. Diese Klasse hat das Pionier-Verdienst. Als sie die erste Klasse war, begann die Integration. Der Erfolg nach drei Jahren spricht – wie alle schulischen Integrationserfahrungen – für diese Form des Unterrichts: Die Kinder sind nach dem Volksschullehrplan ganz normal fortgeschritten, erzählt Silvia Kitzmantel.
Viel Theorie könnte dies weiter untermauern. Aber lassen wir noch einmal die Praxis zu Wort kommen.Wilfried Prammer von der Hauptschule Oberneukirchen unterrichtet in Integrationsklassen und leitet ein sonderpädagogisches Zentrum: Das Wesentlichste der Integration ist, sagt er, dass die betroffenen Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf sehen, dass sie nicht ausgeschlossen sind. Alle Kinder erleben das Miteinander. Rücksichtnahme ist selbstverständlich, so immer wieder gerade auch im Turnunterricht zu erleben. Rundum nur Zustimmung, auch unter den Eltern.
Eine Einschätzung, die der Direktor der Reitter-Schule genauso hat. Er erzählt auch davon, dass jetzt schon Eltern vorsprechen, die ihr Kind erst in einigen Jahren einschulen werden. Lukas aus der 2. I-Klasse meint: „Es ist schön. Wir vertragen uns gut!“ Schulische Integration ist eine glückliche Regelung, die seit sieben Jahren „normal“ ist. Glück gehabt, „Erdäpfel im Sack“.