87-Jährige sorgt für das Leben der katholischen Gemeinde von Dali
Ausgabe: 1999/39, China, Wenzel-Teuber
28.09.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Als „Platz der Anbetung“ galt das chinesische Dali. Bis zur Kulturrevolution beherbergte die Stadt eine Vielzahl von Kirchen und Tempeln. Eine kleine katholische Gemeinde hat überlebt, weil Martha für sie sorgt.
Große bunte Spinnen weben riesige Netze über den bemoosten, rutschigen Weg. Die verwaschene Parole auf der schwarzen Schieferwand wartet schon lange auf neugierige Fremde: „Merry Christmas and Happy New Year“: Fromme Weihnachtswünsche im Herbst. In Dali, der alten Königsstadt am Fuße des Himalaya, ist die Zeit stehen geblieben. Doch die Tore der Marmorstadt, von der schon Marco Polo in seinen Berichten über die alte Seidenstraße schwärmt, stehen heute weit offen für Touristen, die den Südwesten Chinas und seine Schätze entdecken wollen. Einen dieser Schätze findet man in der Xinmin- straße Nr. 6. „Tropfende Wasser“ nennen die Chinesen die geschwungene Dachkonstruktion des Gotteshauses, das einem Tempel ähnelt. Französische Missionare haben den leuchtend blauen Bau 1938 malerisch vor die majestätische Bergkulisse mit ihren schneebedeckten Gipfeln gesetzt.
Bunte Fische und Vögel
Das Christentum hat Mitte des 18. Jahrhunderts in dieser Region erste Spuren hinterlassen. Jesuiten flohen vor einem kaiserlichen Missionierungsverbot hierher. Doch erst 200 Jahre später folgte die eigentliche Missionierung. Ausländische Priester brachten erstmals die Sprachen der einzelnen Völker zu Papier, druckten Bücher, richteten Schulen ein. Die tempelartige Kirche ist auch ein Zeichen dafür, dass das Volk der Bai ihrer Tradition treu geblieben sind. Tausende bunte Fische, Vögel und Delphine, mit denen sie Gottes Schöpfung preisen, zieren das ausladende Vordach über dem Eingang. Zierliche Lotusblüten stützen die Dachträger, über denen sich der blaue Himmel mit einer verschwenderischen Fülle goldener Sterne spannt. Darunter ist genug Platz für eine große Gemeinde. Mehr als genug. Vor der Kulturrevolution lebten hier rund 5000 Katholiken, heute sind es noch knapp 150. Nur wenige Bai kommen zur Kirche, die nach den Jahren der Verfolgung 1983 wieder eröffnet wurde. Das eiserne Eingangsgitter mit der dicken Kette scheppert zwar lautstark, aber das „Klopfen“ stößt auf taube Ohren. Schließlich beginnen Hunde zu bellen, Hühner gackern ganz aufgeregt; dann schlurft eine dick vermummte Gestalt ans Gitter. In Dali nennen die 87-Jährige alle „Niannian“ – Großmutter: Aber eigentlich heißt die fast taube Alte Zhang Yunxian und wurde auf den Namen Martha getauft. Sie kichert und hält verschämt eine Hand vor ihren fast zahnlosen Mund, während die andere verzweifelt mit dem schweren Schloß hantiert. „Nein“, schreit sie, „hier ist kein Priester. Niemand, der sich um die Kirche kümmert.“ Nur Martha. Schon am frühen Sonntag morgen klettert Martha die steile Leiter zum Glockenturm hinauf. Der blecherne Klang tönt um sieben Uhr, um acht und um halb neun über Dalis geduckte Dächer. Er ruft Beter von den Feldern, aus den Marmorwerkstätten und Suppenküchen. Selbst am Sonntag müssen sie sich die Zeit stehlen. Neun verlieren sich an diesem Morgen in den roten Holzbänken der eiskalten Kirche. „Sonntags können nur wenige kommen, aber Weihnachten ist unsere Kirche immer voll“, erzählt Martha stolz. Als die ersten Kirchen nach der Kulturrevolution wieder geöffnet wurden, gab es noch rund 5000 Katholiken in der Diözese. Dank eines unermüdlichen alten Priesters wuchs die Zahl in den letzten Jahren auf 20.000.
Überraschung
„WoMenDiTianFu“ – Vater unser im Himmel – in die Bitten der kleinen Gemeinde fällt flüsternd eine Stimme an der Tür. Das Gebet bricht abrupt ab. Ein Priester aus der Nachbardiözese ist nach stundenlanger Fahrt durch das nebelverhangene Gebirge unangemeldet zu Besuch gekommen. Für die Beter ist es wie ein lang ersehntes Wunder. In Windeseile ist alles vorbereitet. Teresa Liao schiebt ihre Hand unter den Arm der alten Frau Wu, die sich mit tastenden Schritten bewegt. Die anderen haben sich schon aufgereiht, um zu beichten. Endlich kniet Frau Wu vor dem Priester, doch nach einem kurzen, gestenreichen Wortwechsel winkt sie ihre Nachbarin herbei; sie braucht zum Beichten eine Dolmetscherin. Der Priester versteht ihren Dialekt nicht. „Wir wollen die Menschen hier nicht ganz ohne Beistand lassen“, sagt Hong Minghua und legt sein Messgewand, den Kelch und die Hostien bereit. Bei geschätzten zwölf Millionen Katholiken sind rund 1400 Priester nur eine Hand voll. „Solange wir in China nur so wenige Priester sind, müssen wir eben die Arbeit für viele tun.“
Ingelore Haepp
1. Oktober 1949 und die Kirche
Nach Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 hat die Kommunistische Partei sofort versucht, Kontrolle über die Religionen auszuüben. Neben der ablehnenden Haltung des Marxismus der Religion gegenüber traf das Christentum vor allem der Vorwurf, die Missionare seien im Schutz „imperialistischer Mächte“ nach China gekommen. Als erste Folge wurden darum alle Ausländer des Landes verwiesen. Eine von Missionsschwestern und Missionaren abhängige Kirche war nahezu führungslos. Mit wachsendem Druck versuchte Peking die Verbindung zwischen Rom und der katholischen Kirche in China zu kappen. Zum Symbol dafür wurde der Konflikt um die Ernennung der Bischöfe, der bis heute andauert. Zum Bruch zwischen der vom Staat anerkannten „offiziellen“ Kirche und der „Untergrundkirche“ kam es 1957 mit der Gründung der „patriotischen Vereinigung“. Die 1966 einsetzende Kulturrevolution verschärfte erneut die Lage für die Kirche. Alle Gebäude wurden entweder konfisziert, zerstört oder zweckentfremdet. Viele wanderten in Gefängnisse. Nach außen hin hatte es den Anschein, als gäbe es im Reich der Mitte kein religiöses Leben mehr. Es konnte nur im Geheimen weitergehen. Mit dem Tod Mao Zedongs 1976 und der Öffnung Chinas wurde auch die Religionspolitik gelockert. In dem von der Regierung kontrollierten Rahmen sind religiöse Betätigungen wieder erlaubt, Gebäude wurden zurückgegeben. Die Kirche arbeitet seither am Wiederaufbau. Das Fehlen einer Generation von Priestern, Ordensleuten und ausgebildeten Laien stellt eine der größten Schwierigkeiten für die katholische Kirche dar.
Walter Achleitner
Zwischen Hoffnung und Schwierigkeiten
50 Jahre nach Gründung der Volksrepublik ist die Kirche in China lebendiger denn je. „Denn der Glaube kann unter großem Druck auch wachsen“, meint Katharina Wenzel-Teuber, vom China-Zentrum in Sankt Augustin bei Bonn.
Haben die Feiern zum 50. Jahrestag Auswirkungen auf die Kirche?
Wenzel-Teuber: Wie bereits zum 10. Jahrestag des Massakers am „Platz des Himmlischen Friedens“ im Juni ist auch jetzt die Regierung nervös. Sie versucht möglichst alles, was nicht in das Bild der schönen heilen Volksrepublik passt, unter Kontrolle zu kriegen. Die Unterdrückung der Falun-Gong-Bewegung ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Aber in den letzten Monaten kam es auch vermehrt zu Verhaftungen im Bereich der katholischen und protestantischen Kirchen.
Worin liegen die Gründe für diese schärfere Religionspolitik?
Wenzel-Teuber: Aktuell, um Störungen jeglicher Art zu verhindern. So wurden zuletzt auch Dissidenten verschärft abgeurteilt. Dahinter liegt, dass Ideologie und Religion einer der letzten Bereiche ist, der der Regierung noch nicht aus der Hand geglitten ist. Im Gegensatz zur Wirtschaft, die von der Regierung nicht mehr kontrolliert werden kann. In den letzten Monaten gab es auch verstärkt Kampagnen, um die Kader wieder auf den Atheismus einzuschwören.
Trotz Verfolgung ist die Kirche aber enorm gewachsen.
Wenzel-Teuber: Ja, 1949 gab es rund drei Millionen, heute schätzt man zwölf Millionen Katholiken. Das erklärt sich nicht alleine aus dem Bevölkerungsanstieg! Es zeigt, dass Glaube unter großem Druck auch wachsen kann. Doch sie ist nicht nur zahlenmäßig gewachsen, sondern auch chinesischer geworden. Vor 1949 spielten ausländische Missionare eine prägende Rolle. Nach deren Ausweisung musste die Kirche notgedrungen lernen, alleine zurechtzukommen; und bei allem Negativem hatte das positive Folgen.
Warum ist das Christentum so interessant für China?
Wenzel-Teuber: Auch wenn Christen noch immer eine Minderheit von einem Prozent an der Gesamtbevölkerung sind, so ist dennoch ein Interesse ganz besonders unter der jungen Intelligenz am Christentum festzustellen. Es interessiert sie, weil sie die westliche Kultur verstehen möchten und auf der Suche nach Werten sind, die der Kommunismus zerstört hat. Sie versuchen sich am Christentum zu orientieren oder sind auch nur neugierig und möchten verstehen, was dahinter steht. Das steht auch in Zusammenhang mit dem Ruf nach Menschenrechten und Demokratie.
Der Bruch zwischen offizieller Kirche und Untergrundkirche prägt die Situation in China. Gibt es einen Ausweg?
Wenzel-Teuber: Den Vorwurf, sich mit dem Staat arrangiert zu haben, bringt die Untergrundkirche oft vor. Auch die Wunden, die durch die Verfolgung entstanden, macht Versöhnung auch schwieriger. Heute ist es von Ort zu Ort unterschiedlich. Es gibt Diözesen, wo sich offizieller Bischof und Untergrundbischof versöhnt haben und sich die Arbeit teilen. Leider gibt es andere Diözesen, wo die Spannungen noch sehr stark sind, obwohl inzwischen der größte Teil der Bischöfe der offiziellen Kirche von Rom anerkannt sind. Eine Chance stellen die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils dar, die nach der völligen Isolation Chinas von beiden Teilen der Kirche nun umgesetzt werden. So wurde beispielsweise die Messe in chinesischer Sprache erst jetzt eingeführt. Zuvor wurde sie, auch in der offiziellen Kirche, in Latein gefeiert.
Wie beurteilen Sie die Situation der Kirche in der Volksrepublik China heute?
Wenzel-Teuber: Die Lage der Kirche ist zwischen Schwierigkeiten und Hoffnung durchaus ausgewogen. Es ist eine sehr lebendige Kirche, die nur leider in Europa nicht wahrgenommen wird.