Europa-Synode: Trotz unterschiedlicher Situationen nach gemeinsamen Wegen suchen
Ausgabe: 1999/39, Kapellari, Eurpa-Synode
28.09.1999
- Hans Baumgartner
Vom 1. bis 23. Oktober beraten in Rom Bischöfe aus ganz Europa in einer Sondersynode die Lage der Kirche und die Herausforderungen der Zeit auf dem „alten Kontinent“. Wir fragten den österreichischen „Europa-Bischof“ und Synodenteilnehmer Dr. Egon Kapellari.
Als vor zehn Jahren der „Eiserne Vorhang“ hochging, sprach der Theologe Eugen Biser von einer „Zeit der Gnade“. War sie das?
Kapellari: Worte wie „Zeit der Gnade“ sind ein sehr weitmaschiges Sieb. Viel Konkretes, was in diesen zehn Jahren – auch an Positivem – geschenen ist, fällt dabei durch den Rost. Trotzdem ist so ein Sieb hilfreich. Es stellt uns vor die Frage, welche Chancen nach 1989 möglicherweise schlecht genutzt wurden und wo die Schuld eines jeden von uns dabei liegt.
Zwischen „Licht und Luxus“
Dass nach 1991 nun bereits die zweite Europa-Synode angesetzt wurde, zeigt, dass offenbar viele mit der Entwicklung nicht zufrieden sind. Welche Erwartungen wurden enttäuscht?
Kapellari: Überzogene ökonomische Erwartungen in den postkommunistischen Staaten wurden nach 1989 ebenso enttäuscht wie überzogene westliche Hoffnungen auf eine spirituelle Erneuerung des Westens durch Impulse seitens christlicher und anderer Dissidenten im Osten. Das ironische Wort „ex oriente lux (aus dem Osten Licht)“ – „es occidente luxus (aus dem Westen Luxus)“ war viel zu simpel.
Das Arbeitspapier zur Synode zeigt eine Reihe von Problemen auf, von denen die Kirchen im Osten und Westen unterschiedlich betroffen sind. Wie ist Ihre Bestandsaufnahme?
Kapellari: Die Kirchen des Westens sind geschwächt durch eine zunehmende Privatisierung des Glaubens. Im Osten hoffen manche, sich diesen Prozess durch Abschottung von westlichen theologischen Einflüssen ersparen zu können. Man wird aber da wie dort das Fegefeuer epochaler Herausforderungen durchqueren müssen.
Das Synodenpapier spricht eine Reihe von Fragen an, die auch beim „Dialog für Österreich“ zur Debatte standen (Verhältnis Ortskirchen–Weltkirche, Frauen und Kirche, Priestermangel, Wiederverheiratete etc.). Es werden aber kaum Antworten aufgezeigt. Werden Sie hier aus der österreichischen Diskussion Antworten einbringen und zu welchen Fragen?
Kapellari: Wir haben keine Patentrezepte anzubieten. Aber wir haben durch den „Dialog“ Tendenzen zur Verbesserung der Communio (Gemeinschaft in der Kirche) und Schritte zu einer gewissen Abkühlung mancher „heißer Eisen“. Die Probleme sind uns bekannt und werden gewiss bei der Synode zur Sprache kommen, im Plenum ebenso wie in den Arbeitsgruppen. Für mich jedenfalls sind die Fragen, wie sie im „Dialog für Österreich“ angesprochen wurden, weiterhin auf der Tagesordnung der Kirche und ich werde sie auch einbringe
Skepsis gegen Sonderwege
In vielen Teilkirchen Europas gibt es den Ruf nach strukturellen Reformen in der Kirche (Aufwertung der Synoden, Mitbeteiligung bei Bischofsernennungen, Viri probati, Frauendiakonat etc.). Im Synodenpapier fehlt dazu jeder Ansatz. Soll darüber nicht geredet werden?
Kapellari: Die Situation in den Teilkirchen Europas ist trotz gemeinsamer Trends in vielen Ländern doch (noch) recht unterschiedlich. Ein Priestermangel etwa ist in Polen oder der Slowakei nicht gegeben, wohl aber in vielen anderen Ländern. Vorschläge zu regionalen Sonderlösungen, beispielsweise für die Zulassung zum kirchlichen Amt (z. B. viri probati oder Frauendiakonat), begegnen angesichts eines weltweiten Nivellierungsdruckes hin zum Bequemen einem durchaus begründeten Widerstand der Leitung unserer Welktkirche. Diskussionen über die sogenannten „heißen Eisen“ gibt es seit langem, und sie werden auch bleiben – ob das nun manche wollen oder nicht –, bis sich manches abkühlt, abklärt und weiterentwickelt.
Was die politische Entwicklung angeht, etwa die Osterweiterung der EU, ist das Synodenpapier sehr vage. Da war der Papst in Wien viel direkter. Sollte die Synode über das „neue Haus Europa“ nicht klarer sprechen?
Kapellari: Ich bin dafür, dass die Synode in der Frage einer weitergehenden europäischen Integration unterstreicht, was der Papst und viele Bischöfe – auch ich – wiederholt gesagt haben. Polen oder Tschechien werden sehr wahrscheinlich deshalb nicht schneller zur EU kommen, weil die Bischofssynode sich dafür ausspricht. Aber es wäre ein wichtiges Signal an die Menschen und ein Akt Selbstverpflichtung der Kirche, europaweit an der Seite jener zu stehen, die sich für Friede, Gerechtigkeit, Schutz der Menschenwürde und der Schöpfung einsetzen.
In der Einladung zur Synode wurden die Bischöfe gebeten, in ihren Ortskirchen ausführlich über die Situation der Kirche und die sozialen Gegebenheiten in ihren Ländern zu diskutieren. Warum gab es diese Debatte in Österreich nicht?
Vertreten keine Flügel
Kapellari: In Österreich hat es in den letzten Jahren über alle Themen des Synodenpapiers wohl mehr öffentliches Gespräch gegeben als in allen anderen Ländern Europas. Man denke an die Salzburger Dialogtage, an die Diözesanforen u. a. Eine zusätzliche umfangreiche Debatte über das Synodenpapier hätte kaum neue Erkenntnisse gebracht. Die drei österreichischen Bischöfe vertreten bei der Europa-Synode nicht diesen oder jenen Flügel der Kirche, aber sie wissen um die Freuden und Schmerzen der Christen in unserem Land und werden dies gewiss zur Sprache bringen. Im Plenum gibt es dazu nur wenig Zeit, aber in den Arbeitsgruppen ist ein ausführliches Gespräch darüber möglich.