Wenn am Sonntag die Lkw rollen, stirbt der letzte Rest an Lebensqualität
Ausgabe: 1999/40, Sonntag, Lkw, Lebensqualität, Tirol, Politik, Politiker, Sonntagsfahrverbot, Lockerung
05.10.1999
- Hans Baumgartner
„Eine Lockerung des Lkw-Sonntagsfahrverbotes hätte verheerende Auswirkungen auf die Fahrer und deren Familien“, sagt der Betriebsseelsorger Werner Baur. Er ist selber Fernfahrer.
Seit 25 Jahren ist der Diakon Werner Baur als Betriebsseelsorger in Ulm tätig. Weil er in seiner Arbeit immer wieder mit dem harten Leben der Fernfahrer und den Auswirkungen dieses Berufs auf die Familien konfrontiert wurde, wollte er diesen Job selber kennen lernen. Seit zehn Jahren sitzt er immer wieder für ein paar Wochen hinter dem Lenkrad eines Reisebusses oder auf dem Bock eines Sattelschleppers. „Seit ich in acht Wochen 32.000 Kilometer mit einem Lastzug zwischen Warschau und Pamplona heruntergespult habe, weiß ich, wie sehr dieser Beruf Menschen auslaugen kann. In dieser Zeit habe ich vier Mal im eigenen Bett geschlafen. Ich weiß daher, was es für die Fahrer und ihre Familien bedeuten würde, wenn durch die Verkürzung oder den Wegfall des Sonntagsfahrverbotes auch noch das letzte Stück an planbarer Freizeit verloren ginge.“
An einem dünnen Faden
„Heute weiß ein Fernfahrer, dass er in der Regel wenigstens am Sonntag zu Hause ist, wenn er nicht auf Grund schlechter Planung oder aus unvorhersehbaren Gründen seine Tour unterbrechen muss. Wenn die Zeit des Sonntagsfahrverbotes weiter verkürzt wird, muss befürchtet werden, dass die Fahrer immer häufiger irgendwo auf der Strecke bleiben. Schon jetzt ist das Korsett in dieser Branche so eng, daß häufig über die Zeit gefahren wird, auch in den Sonntag hinein. Bei den kurzfristigen Planungen im internationalen Fernverkehr wissen dann die Fahrer überhaupt nicht mehr, wann sie ihren freien Tag haben“, meint Diakon Baur. Als er mit einigen Fernfahrerfamilien dieses Thema besprochen habe, hätten diese mit Schrecken und tiefer Resignation reagiert.
„Schon jetzt“, so Werner Baur, „hängt in vielen Fernfahrerfamilien die Beziehung an einem sehr dünnen Faden. Viele Frauen sind Alleinerzieherinnen mit Trauschein. Die Männer bekommen kaum mit, was zu Hause wirklich läuft. Wenn es finanzielle Sorgen und Schwierigkeiten mit den Kindern gibt, dann erfahren sie es oft nicht, weil die Frauen bei den Telefonaten kaum darüber reden. Viele wollen die Männer bei ihrem harten Job nicht auch noch mit familiären Problemen belasten oder denken sich, er kann mir sowieso nicht helfen. Dazu kommen spezielle, durch diesen Job bedingte Partnerschaftsprobleme und Ängste.“ Außerdem fürchtet Baur, dass die Unfallgefahr zunimmt, wenn für die Fahrer das letzte Stück einer normalen Regenerationsmöglichkeit auch noch wegfiele.
„Ich frage mich, was sich unsere europäischen Politiker dabei denken. Sind ihnen die Lenker und deren Familien egal? Wollen sie, dass noch mehr an diesem Job kaputtgehen, nur damit die Räder rollen. Da kann sich keiner an den ,Sachzwängen der Wirtschaft‘ abputzen: das ist eine politische Frage und dort liegt auch die Verantwortung.“