Lokalaugenschein im Erdbebengebiet: Staatliche Hilfe greift nicht
Ausgabe: 1999/40, Türkei, Winter, Erdbeben, Hilfe
05.10.1999
- Nina Horaczek
Das schwere Erdbeben in der Türkei hat Mitte August an die 50.000 Menschenleben gekostet. Eine Million Menschen wurden über Nacht obdachlos.
Immer noch sind die Spuren der Verwüstung sichtbar. Ganze Straßenabschnitte wurden zerstört. Hochhäuser, von betrügerischen Bauunternehmern aus minderwertigen Materialien erbaut, klappten durch die Erdstöße wie Pappkartons zusammen. Erst ein kleiner Teil der Betroffenen ist in Zeltstädten untergebracht und wird von privaten Hilfsorganisationen betreut. Viele haben jedoch nicht einmal ein provisorisches Dach über dem Kopf. Überall fehlt es an allem.
Die 100.000-Einwohner-Stadt Gölcük in der Nähe von Izmit liegt direkt im Epizentrum des Bebens. Achtzig Prozent der Häuser sind zerstört oder unbewohnbar. Ein Teil der Strandpromenade wurde samt den meist fünfstöckigen Hochhäusern ins Meer gespült. Die Bewohner von Gölcük haben den psychischen Schmerz, der durch das Erdbeben verursacht wurde, noch lange nicht überwunden. Menschen sitzen stundenlang auf Ruinen und starren auf die Trümmer, unter denen ihre Angehörigen begraben sind. Humanitäre KatastropheVon einem Wiederaufbau der Infrastruktur ist nichts zu sehen. Immer noch sind Bagger damit beschäftigt, den Schutt aus der Stadt zu transportieren. Täglich werden neue Leichen aus den Trümmern geborgen. Trotz aller Trauer gilt es nun für die Überlebenden der Naturkatastrophe, das Leben neu zu organisieren.
Die Bewohner von Gölcük leben in Campingzelten oder haben sich aus Plastikplanen Notunterkünfte gebaut. Während die türkische Regierung in der Region mit humanitärer Hilfe kaum präsent ist, versuchen private Hilfsorganisationen, die Not der Bevölkerung zu lindern. „Nach dem Erdbeben sind alle gekommen, um uns zu helfen. Deutsche, Amerikaner, Österreicher und auch die Griechen waren da. Nur unsere eigene Regierung nicht. Wir haben alles verloren. Ohne Unterstützung werden wir den Winter nicht überleben“, schildert ein alter Mann resignierend.
War das Wetter bisher gnädig mit den Betroffenen, so rückt die kalte Jahreszeit unweigerlich näher. Ärzte, die sich freiwillig um die medizinische Versorgung in den Camps kümmern, spüren bereits die Auswirkungen der immer kälter werdenden Nächte. Die Zahl der Kinder, die an Durchfall und Grippe erkranken, steigt. Eines der dringendsten Bedürfnisse sind Zelte, die auch im Winter bewohnbar sind.
Ohne internationale Unterstützung wird es nicht möglich sein, dies zu gewährleisten. Sollten jedoch diese Zelte nicht angeschafft werden können, steht eine humanitäre Katastrophe bevor. Betroffen wären vor allem Kinder und ältere Menschen.
Konkrete Hilfe ist gefragt
In Derince, einem Bezirk der Stadt Izmit, haben Überlebende ein Zeltlager errichtet, in dem 1.200 Menschen, darunter 200 Kinder, untergebracht sind. Zusätzlich dazu werden Menschen der Umgebung zweimal täglich mit warmem Essen versorgt. Fast alle haben beim Beben nicht nur Angehörige und Freunde, sondern auch Wohnungen und Arbeitsplätze verloren. Die freiwilligen Mitarbeiter des Camps versuchen, den Bewohner das Leben erträglich zu gestalten. Es gibt eine Krankenstation und einen Kindergarten, der den Kleinsten hilft, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. – Um die kalte Jahreszeit überstehen zu können, werden dringend winterfeste Zelte benötigt. Weiters ist geplant, eine provisorische Schule einzurichten, um die Kinder wieder in ein „normales“ Leben zurückzuführen.
Die österreichische Hilfsorganisation „Wiener Appell“ unterstützt die Bewohner des Camps Derince von Österreich aus. Spenden bitte an: „Wiener Appell“, Kennwort „Camp Derince“, PSK (BLZ 6000), Konto Nr. 92053041.