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Alle sind zum Hochzeitsmahl geladen, aber

Ökumenisches Gespräch zu den Bibeltexten des Sonntags
Ausgabe: 1999/40, Ökum. Gespräch, Evangelienkommentar
05.10.1999
- Elisabeth Leitner
Zur Einstimmung auf den Christentag 1999 hat die Kirchenzeitung Christinnen und Christen verschiedener Kirchen zu einem Bibelgespräch eingeladen. Gäste für diesen Sonntag waren Andrea Oechslen, ev. Pfarrerin, Lothar Pöll, Pastor der Ev.-Method. Kirche, und Roswitha Unfried, kath. Theologin.

„Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“ Die Rede vom kleinen Kreis der Auserwählten und jenen, die nicht dazu gehören, die draußen stehen, hat in der Geschichte der Menschheit immer wieder für gefährliche Entwicklungen gesorgt. Welchen ersten Eindruck hinterlässt diese Bibelstelle?

Lothar Pöll: Zunächst löst das Gleichnis Irritationen aus. Es ist so grausam. Man hat eigentlich nicht das Gefühl, dass Jesus so gesprochen haben könnte. Die Adressaten dieser Botschaft sind aber Hohepriester und Älteste. Jesus spricht gegen die Führer und Repräsentanten der Religion ein prophetisches Gerichtswort und nicht gegen das Volk als Ganzes. Das nimmt der Stelle auch den anti-jüdischen Touch. Was mir beim Lesen auffällt, ist, dass hier Gute und Böse eingeladen sind: Alle sind eingeladen, ohne Unterschied. Das ist für mich ein sehr positiver, hoffnungsvoller Zug. Kirche ist keine elitäre Gruppe, jeder kann kommen. Die Einladung zum Festmahl gilt für alle.

Roswitha Unfried: Zunächst wirkt diese Stelle grausam. Sie wird aber entschärft durch die Lesung aus Jesaja 25,6-10a, in der vom endzeitlichen Hochzeitsmahl die Rede ist (vgl.Text der Lesung.)Die Adressaten haben also davon gewusst, nur haben sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Das ist damit gemeint, wenn vom Mann die Rede ist, der sein Hochzeitsgewand nicht anhatte.

Martin Luther hat dieses Gleichnis als schreckliches Gleichnis bezeichnet. Wie kann man dieses Gleichnis heute verstehen?

Andrea Oechslen: Ich würde dieses Gleichnis nur mit Vorbehalt verwenden. Wichtig ist aber die Feststellung, dass alle zum Hochzeitsmahl geladen sind. Gute und Böse sitzen nebeneinander. Auch bei uns – und nicht nur damals im jüdischen Volk – ist das so. Die Warnung könnte sein: „Ihr dürft nicht auf andere zeigen, auch ihr seid nicht besser.“

Roswitha Unfried: Sie haben Recht, die Stelle kann sehr leicht anti-jüdisch werden. Was mir dabei auffällt, ist, dass die katholische Kirche ähnlich gehandelt hat. In der Kirchengeschichte gibt´s immer wieder Momente, wo die Kirche den Richter gespielt hat und gesagt hat: „Die gehören nicht zu uns. Die müssen vernichtet werden.“ Seien das die Orthodoxen oder die evangelischen Christen, ... Und das passiert auch heute noch, auch in säkularisierter Form bei bestimmten politischen Gruppierungen. (...)

Das Bild vom königlichen Hochzeitsgewand kann unterschiedlich gedeutet werden. Worauf legen Sie den Schwerpunkt? Andrea Oechslen: Das Hochzeitskleid ist etwas Schönes, nicht eine Bedingung. Es drückt Freude, Bereitschaft aus. Die Frage an mich ist: Wie sehr bin ich bereit, mich auf die Botschaft Jesu einzulassen? Ich würde den Schwerpunkt auf den einladenden Charakter legen. Unsere Aufgabe ist es nicht, Türen zuzumachen, sondern offen zu halten. Die Frage an unsere Gemeinde wäre dann: Wo laufen wir Gefahr, Türen zu verschließen?

Lothar Pöll: Die Erwähnung des Hochzeitsgewands dürfte nachträglich eingefügt worden sein. Es erinnert mich an das Täuflingsgewand. Ich verstehe darunter, dass wir vor Gott nicht als Gruppe stehen, sondern jeder Einzelne gefragt ist. Jeder ist frei das Geschenk anzunehmen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ist nicht das Entscheidende („Hauptsache, ich bin dabei“), sondern: Ich selber bin als Person gefragt.

Roswitha Unfried: Der Evangelist Matthäus versuchte, die Zerstörung des Tempels theologisch einzuordnen. Er will seiner Gemeinde vielleicht sagen: „Überhebt’s euch nicht. Wiegt euch nicht in falscher Sicherheit.“ Das Kleid ist ein Geschenk. Wichtig ist aber, welchen Weg man danach einschlägt. Ich würde besonders den Wegcharakter betonen: Wie bereite ich mich z. B. auf einen Gottesdienst vor? Denn es ist nicht damit getan, auserwählt zu sein. Es sind nicht die Werke, die mich heiligen, aber dem Glauben folgen Werke.

Hier berühren wir einen heiklen Punkt, der in der Geschichte der katholischen und evangelischen Kirche immer wieder für Auseinandersetzungen gesorgt hat: die Rechtfertigung des Menschen vor Gott.

Andrea Oechslen: Aber man kann die Werke nicht messen und von den Werken auf den Glauben rückschließen. Werke können immer aus Liebe geschehen oder nicht. Das ist entscheidend.

Lothar Pöll: Das Hochzeitskleid sehe ich als Heiligung des Menschen. Diese Heiligung beruht nicht auf eigener Leistung. Durch Christi Blut und Gerechtigkeit sind wir gerechtfertigt.Das ist mein Hochzeitskleid, damit werde ich vor Gott bestehen. Irgendwie ist mir der Gedanke doch wichtig, dass es nicht so sehr an mir liegt, an meinem Willen, an meiner Bereitschaft, aber dass es doch ich bin, der als Gerechtfertigter vor Gott steht.

Andrea Oechslen: Die Lutherische Deutung wäre, dass jeder Gutes und Böses in sich hat. Jeder muss zuerst sich selbst fragen, bei sich selbst anfangen.In der Predigt würde ich besonders den einladenden Charakter dieses Gleichnisses betonen.

Das Gespräch führte Elisabeth Leitner .
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