Ökumenisches Gespräch zu den Bibeltexten des Sonntags
Ausgabe: 1999/41, Evangelienkommentar
12.10.1999
- Walter Greußing
Als Vorbereitung auf den Christentag 1999 hat die Kirchenzeitung Christinnen und Christen verschiedener Kirchen zu einem Bibelgespräch eingeladen. Gäste dieses Sonntags waren Eva-Maria Franke, ev. Pfarrerin in Bludenz, Max de Wilde, Pastor zweier Pfingstgemeinden, und Pfr. Paul Riedmann, Feldkirch.
Die neutestamentliche Lesung, der Beginn des ältesten erhaltenen Briefes von Paulus, enthält viel Positives. Kann das auch heute noch als Vorbild gelten?
Eva-Maria Franke: Wenn ich das so lese, ist das ja ein Traum von einer Gemeinde. Da fragt man sich, wo bleibt das bei uns heute: der bewährte Glaube, die tätige Liebe, die unerschütterliche Hoffnung?
Max de Wilde: Mich fasziniert, wie Paulus unablässig dankt für die Gemeinde und wie er sie schätzt. Danken wir auch Gott so für die Menschen, die uns anvertraut sind? Sehen wir sie als vonGott Geliebte, die er selber hineinformen will in das Bild Jesu? Und beten wir so für sie? Die Stelle fordert mich schon heraus.
Eva-Maria Franke: Oft klagen wir mehr darüber, dass so wenige da sind, dass man auf das eigene Bemühen keine größere Resonanz bekommt; aber an und für sich müsste man dankbar sein für die, die da sind.
Paul Riedmann: Mir geht es so, dass die Annahme der Gemeinde und die Dankbarkeit für die Gemeinde, mag sie noch so klein sein, mein Herz öffnet: einmal gegenüber dem, was Gott jetzt will in dieser konkreten Gottesdienstversammlung; zum anderen gegenüber dem, was die Menschen an Qualitäten mitbringen. So habe ich Freude auch an solchen kleinen „Gemeinden“, z. B. in Sonntagvorabendmessen. Außerdem wächst das Vertrauen, dass es auch da Wachstum geben wird und sich das Reich Gottes durchsetzt wie in den Wachstumsgleichnissen.
Liegt in der Person des Gemeindeleiters der entscheidende Erfolgsfaktor?
Eva-Maria Franke: In diesem Zusammenhang steht für mich der Vers 5 „Sein Heiliger Geist stand uns bei und gab uns Mut und Überzeugungskraft“ (Gute Nachricht): dass ich mich immer wieder zur Ordnung rufen muss und mir sage „Du musst ja nicht immer alles alleine machen“. Entscheidend ist, dass ich mich einfach dem Geist öffne und dem auch Raum gebe.
Max de Wilde: Das ist der springende Punkt. Weil – auch von mir – so viel gepredigt wird, das nur Wort ist. Während hier im Urtext steht „Das Evangelium geschah ...“, da ist etwas geschehen beim Paulus. Auch von Jesus heißt es, dass er auffallend anders gepredigt als andere, nämlich mit Vollmacht. Bei uns sollte ebenfalls gelten, „nicht im Wort allein, sondern in der Kraft – und im Heiligen Geist“. Mein Wunsch ist, dass der Heilige Geist zum Wirken kommt in vielfältiger, auch übernatürlicher Art und Weise, mit den Geistesgaben usw. Und dass wir „in großer Gewissheit“ dem Wort Gottes vertrauen.
Paul Riedmann: Wir dürfen vertrauen: Gottes Vollmacht, Gottes Wirkkraft steht hinter seinem Wort. Ich spüre es, wenn in kurzer Zeit viel an Wort Gottes zu verkündigen ist. Da bleibt oft wenig Zeit. Doch wenn ich mich der Führung des Hl. Geistes öffne, staune ich jedesmal, wie plötzlich eine Eingebung kommt, in welche Richtung es gehen soll. Und wenn mir danach der oder jene berichtet, wie sehr er/sie betroffen war, dann muss ich sagen: Das ist wirklich Macht von oben, der Hl. Geist, nicht mein menschliches Wort oder mein menschliches Tun.
Verkündigung bzw. Zeugnis des Glaubens erschöpft sich aber nicht in Worten?
Max de Wilde: Mir ist wichtig, eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen; und dass sie dann sehen, wie lebe ich als Christ mit der Beziehung zum lebendigen Gott in unserer Welt. Das soll so Eindruck machen, dass sie sagen: Das möcht ich auch, wie geht das?
Eva-Maria Franke: Ich finde gerade an diesem Text hier sehr schön, dass für Paulus der Glaube etwas Aktives ist, tätige Liebe. Dass eben Reden und Handeln zusammenstimmen. Das ist das glaubwürdigste Zeugnis. Da muss sich jeder selber prüfen.
Paul Riedmann: Dazu kommt, dass tätiger Glaube in der Gemeinde, die opferbereite Liebe und die standhafte Hoffnung für Paulus offenbar auferbauend ist. Er empfängt also auch aus der Gemeinde Stärkung, Ermutigung, Freude; das weckt Dankbarkeit und führt ihn ins Gebet. Und das finde ich schön.
Wird Gottes Wort ausreichend verkündet bzw. gehört?
Eva-Maria Franke: Gegenseitige Glaubensstärkung ist nicht zuletzt auch der Grund, warum im evangelischen Bereich das Wort so sehr betont wird. Eben durch das Gespräch, durch Miteinander-Reden findet die gegenseitige „Befruchtung im Glauben“ statt, durch den Austausch miteinander kommt man auch zur Gemeinschaft, die sich durch gegenseitiges Verstehen und durch ähnliches oder gleiches Glaubensverständnis bildet.
Paul Riedmann: Es hat in der katholischen Kirche lange Zeit leider daran gemangelt – und das ist meine Sehnsucht –, dass auch in unserer Kirche sich die Menschen mehr und mehr um dieses Wort Gottes versammeln, um es zu hören, um es zu teilen, auszutauschen. Dass Menschen sich versammeln um zu hören: Was will der Herr in meine konkrete Lebenssituation hineinsprechen, um es dann auch zu tun.
Max de Wilde: Was ich mir noch mehr wünsche, ist, dass das Wort Gottes in die Öffentlichkeit kommt – so wie damals. Paulus kam in heidnische Orte und hat Kontakt gesucht. Menschen, die sich dann geöffnet haben, sind wirklich umgekehrt, sind Christen geworden und haben sich dann gefunden zu der Gemeinde. Danach sehne ich mich heute.