Ökumene: Von den Spaltungen zu einer versöhnten Vielfalt der Kirche(n)
Ausgabe: 1999/42, Ökomene, Dantine, Spaltung
19.10.1999
So hätte es nicht werden sollen: Unterschiede zwischen den Teilkirchen in den einzelnen Ländern aufgrund unterschiedlicher Kultur und verschiedener historischer Erfahrungen, Unterschiede auch aufgrund unterschiedlicher Akzentsetzung in Lehre und Praxis – ja, die hätte es immer gegeben, und die wird es auch immer geben, und nicht zu klein. Aus solchen und anderen Unterschieden aber getrennte Kirchen zu machen, das nicht. Und doch ist es geschehen und musste offensichtlich geschehen. Es musste deswegen geschehen, weil manchmal Kirchen wichtige Gesichtspunkte übersehen haben, in Lehre und Praxis einen falschen Weg gegangen sind. Da durfte die Auseinandersetzung nicht ausbleiben. Und sie führte in die Trennung, weil man zur Auseinandersetzung im Miteinander-Reden nicht bereit war.
Der Weg der Versöhnung
Bemühungen um Verständigung hat es immer wieder gegeben. Sie blieben leider – aus verschiedenen Gründen – erfolglos. Wenn in diesem Jahrhundert die ökumenische Bewegung eine besonders wichtige Rolle gespielt hat und es sogar beachtliche Ansätze zur Verständigung gibt, hängt das einerseits damit zusammen, dass die Trennung für viele Menschen immer unerträglicher geworden ist, andererseits damit, dass man angefangen hat, auch voneinander zu lernen. Versöhnung ist nun das Stichwort, um das sich die ökumenischen Bemühungen drehen. Nicht Uniformierung, nicht Schaffung einer Einheitskirche, nicht Aufhebung aller Unterschiede. Das wird nicht möglich sein. Versöhnung setzt Anerkennung der Unterschiede voraus. Sie nimmt sie ernst. Versöhnung verbietet auch nicht die Auseinandersetzung, wo sie notwendig ist. Aber sie nimmt den anderen wahr, wie er ist. Sie fragt, warum der andere so ist, so denkt und handelt und versteht dann wahrscheinlich die Unterschiede besser. Sie versucht vom anderen zu lernen, was zu lernen ist. Sie entdeckt beim anderen Elemente, die einem selbst wichtig werden können. Versöhnung lernt die besonderen Probleme des anderen zu verstehen und trägt sie mit.Versöhnung hofft, dass Gemeinschaft, Koinonia, möglich wird. Auch am Tisch des Herrn, wo jetzt der Riss zwischen den Kirchen am empfindlichsten ist, weil sie weiß, daß es hier um Gemeinschaft mit unser aller Herrn Jesus Christus geht, nicht um Einheit in Lehre und Praxis. Versöhnung erträgt es auch, daß in den einen Kirchen Dinge gefordert oder getan werden, die für andere Kirchen inakzeptabel sind, unabhängig von den klassischen Lehrdifferenzen. Das Amt der Frau in der Kirche und Fragen der Sexualmoral sind derzeit solch „heiße“ Differenzpunkte. Versöhnung erträgt solche Streitpunkte, macht aber auch behutsam, wenn entsprechende Forderungen aufgestellt werden.Es gibt verschiedene Orte der Versöhnung. Alle sind wichtig und es geht darum, dass sie zum Zusammenspielen gebracht werden.
Die Orte der Versöhnung
Da gibt es den Ort der Basis-Begegnung: zwischen den Pfarrgemeinden, bei ökumenischen Versammlungen und Tagen wie dem Christentag. Da geht es darum, einander kennen und verstehen zu lernen. Da geht es darum, gemeinsam zu tun, was gemeinsam getan werden kann, und das ist viel, geht es doch zu allererst um die Bezeugung der in Jesus Christus sichtbar gewordenen Menschenliebe Gottes. Da geht es um miteinander feiern, miteinander traurig sein, miteinander in der Bibel lesen, miteinander beten. Hier wird gemeinsam Verantwortung übernommen für den Nächsten. Da gibt es den Ort des theologischen Gesprächs. Er ist einer Elite vorbehalten, sicher, und es ist ein schwieriges Geschäft. Denn die Wahrheit Gottes darf ja nicht zum Spielball menschlicher Beliebigkeit werden. Dabei muß gesehen werden, dass dieses Gespräch schon sehr viel erreicht hat. Wichtig ist, dass dieses Gespräch nicht im Wolkenkuckucksheim bleibt, sondern den anderen beiden Orten zuarbeitet.Es gibt schließlich den Ort der offiziellen Begegnung der Kirchen. Auch dieser Ort ist schwer und mühsam. Kirchenleitungen müssen ja dafür sorgen, daß die Traditionen nicht leichtfertig weggespült werden, daß Entwicklungen von der ganzen Kirche mitgetragen werden und es nicht zu neuen Kirchenspaltungen kommt. Zuletzt soll noch eine wichtige Sache angesprochen werden: Streit gibt es nicht nur zwischen den Konfessionskirchen, sondern auch in den Konfessionskirchen. Das ist eine Binsenweisheit. Aber sie muss beachtet werden um zu sehen, dass manche Differenzen in Wirklichkeit keine konfessionellen sind, und dass es Gemeinsamkeiten gibt über die Konfessionsgrenzen hinweg. Ökumenisches Bewusstsein wird auch hier Brücken der Verständigung, des gegenseitigen Trostes und des Miteinandertragens suchen, aber auch auf das manchmal nötige klare Wort nicht verzichten.
Oberkirchenrat Johannes Dantine = Evangel. Theol. Fakultät Wien