Von der Ohnmacht zur Tat: ein Beispiel zum „Nationalfeiertag“
Ausgabe: 1999/42, Arbeitslosigkeit, Pfarren, Ohnmacht, Nationalfeiertag, Tat
19.10.1999
- Hans Baumgartner
Zehn Jahre hat er auf dem Bau als Eisenbieger gearbeitet. Dann wurde er krank und arbeitslos. Eine neue Arbeit bekam er nicht. Seine Frau wurde psychisch krank und er wußte nicht, wie er die vierköpfige Familie durchbringen sollte. Jetzt hat er wieder Hoffnung.
Der Pfarrsaal und einige Türen in der Kirche sind neu gestrichen, im Pfarrgarten ist die Schonzeit für so manches Unkraut vorbei und die Gemeindemitglieder bekommen überraschend Post von der Pfarre, auch wenn sie noch nicht zu den Altersjubilaren zählen, sondern erst ihren 20., 30. oder 40. Geburtstag feiern. In der Wiener Pfarre Aspern geschehen seit einigen Monaten viele Dinge, die man noch einige Jahre liegen gelassen hätte oder die bisher überhaupt nicht möglich waren wie die ausgeweitete Geburtstagskarten-Aktion, erzählt Pfarrer Georg Stockert.
Seit April beteiligt sich Aspern an der Aktion „Pfarren helfen Langzeitarbeitslosen“. Das von der Caritas Wien entwickelte, in Österreich einmalige Projekt läuft seit Anfang des Jahres. Derzeit tun 13 Pfarren mit, drei weitere kommen in den nächsten Wochen dazu. Das Programm soll Langzeitarbeitslosen mit Vermittlungshemmnissen helfen, wieder in ein geregeltes Arbeitsleben hineinzukommen, indem sie maximal ein Jahr lang in einer Pfarre beschäftigt werden. Die Anstellung erfolgt über die Caritas, die Kosten dafür tragen zu einem Drittel die jeweilige Pfarre und zu zwei Drittel das Arbeitsmarkservice (AMS). „Dass es sich dabei nicht um Alibianstellungen handelt, sondern dass die Betroffenen tatsächlich im vereinbarten Stundenausmaß zupacken müssen, ist im Sinne aller Beteiligten“, meint Sr. Silvia Ertl von der Pfarrcaritasstelle. „Beim Endecken von Arbeitsfeldern für ihre neuen Mitarbeiter sind die Pfarren recht kreativ“, freut sich Ertl über den guten Start des Projektes. Denn schließlich, so meint sie, gehe es ja auch darum, Befürchtungen zu zerstreuen, dass durch die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen andere Mitarbeiter ihren Job verlieren.
Boden unter den Füßen
„Wir haben von dem Projekt gelesen und uns im kleinen Kreis der Mitarbeiter/innen gesagt, das wäre auch etwas für unsere Pfarre. Im Pfarrgemeinderat hat es dann die üblichen Diskussionen gegeben. Die einen waren sehr dafür, dass man auch konkret etwas tut gegen die wachsende Zahl von Langzeitarbeitslosen, die anderen hatten große Bedenken gegenüber denen, die ja gar nicht arbeiten wollen‘. Letztendlich aber fiel die Entscheidung für das Mittung beim Langzeitarbeitslosenprojekt aus“, freut sich Pfarrer Stockert. Nach einem jungen Mann, der untergetaucht war, um dem Bundesheer zu entgehen, und sich nach zwei Monaten Arbeit in der Pfarre dann doch freiwillig gestellt hatte, arbeitet nun ein Rumäne in Aspern. „Unsere Erfahrungen mit ihm sind erfreulich und wir hoffen sehr, dass der ehemalige Eisenbieger trotz seiner schwierigen Familienverhältnisse wieder festen Boden unter die Füße bekommt“, sagt Pfarrer Stockert. Vorbereitet werden die Arbeitslosenprojekte in jedem Einzelfall vom Caritasteam um Sr. Silvia Ertl. „Wir setzen uns mit interessierten Pfarren zusammen, schauen, welcher Arbeitsbedarf da ist und welche Qualifikationen gefragt sind, wer für die Arbeitsanleitung zuständig ist und wer bereit ist, den/die Langzeitarbeitslose/n menschlich zu begleiten. Sr. Ertl verbindet mit dem Projekt auch die Hoffnung, dass sich in der Pfarre möglichst viele Menschen mit dem Problem der Arbeitslosigkeit und dem Schicksal von Arbeitslosen befassen. Dafür gibt es ein eigenes Begleitprogramm des Bildungswerkes. Eine weitere Hoffnung ist, dass noch viele Pfarren im Norden und Süden der Erzdiözese dazukommen, wenn ab Jänner auch die AMS-Niederösterreich in das Projekt einsteigt.