Als Vorbereitung auf den Christentag 1999 hat die Kirchenzeitung Christinnen und Christen verschiedener Kirchen zu einem Bibelgespräch eingeladen. Gäste für diesen Sonntag waren Klinik-Seelsorgerin Claudia Schröder (evangelische Kirche), Pfarrer Petar Pantic (serbisch-orthodoxe Kirche) und Seelsorgeamtsleiter Florian Huber (römisch-katholische Kirche).
Die Antwort Jesu auf die Frage des Gesetzeslehrers sind kurz und einprägsam. Gleichsam ein „Kurz-Katechismus“ für unsere Zeit, in der es jeder eilig hat?
Huber: Diese Sichtweise hat etwas Faszinierendes. Denn sie berührt unseren Lebensstil und die Frage, was uns im Leben wichtig ist. Mir fällt dazu auch ein Bild aus dem bäuerlichen Milieu ein: Ein Mann ist dabei, mit der Sense das Gras zu mähen. Er ist spät dran und weiß nicht, ob er noch rechtzeitig fertig wird. Da kommt jemand vorbei und sagt: „Wenn du die Sense schärfen würdest, ginge die Sache um einiges schneller.“ Darauf bekommt er zur Antwort: „Wo denkst du hin, ich habe keine Zeit dafür!“Die Lösung wäre, dass der Mann einmal inne hält, sich aufrichtet, die Sense dengelt und dann mit frischen Kräften weitermacht.Jesus stellt uns die entscheidende Frage: Lebt die Liebe in deinem Herzen bei allem, was du tust? Das ist so etwas wie ein „Kurz-Katechismus“, der an alles anzulegen wäre, was wir tun.
Pantic: Jesus gibt uns ein ganz positives Gebot, denn sein Gesetz gründet auf dem Gebot der Liebe. Und diese Liebe, die Jesus meint, hat eine vertikale und eine horizontale Dimension. Das erste Gebot – die vertikale Dimension – zeigt, dass Gott die Urquelle der Liebe ist. Diese Liebe hat sich in Jesus verwirklicht. Genau so wichtig und gleichberechtigt ist die horizontale Dimension: die Liebe zum Nächsten. Diese Liebe erweist uns Jesus, indem er vollkommen Mensch geworden ist. Er ist kein Engel geworden oder ein Seraphim, sondern ein Mensch. Er zeigt uns damit, dass die Menschen eine ewige Bedeutung haben. Wir empfangen Gottes Liebe als Gnade. Und die Liebe ist die Erfüllung der Gebote: wenn ich Gott liebe, werde ich nicht andere Götter neben mir haben, werde den Sonntag feiern, werde nicht Gottes Namen spotten, werde meine Eltern ehren . . .
Schröder: Ich hänge noch am Wort „Kurz-Katechismus“. In diesen wenigen Worten Jesu steckt ja wirklich alles, was zu sagen ist. Jesus hat das Ineinander von Gottes- und Nächstenliebe auf den Punkt gebracht. Das ist nicht gegeneinander auszuspielen. Das eine ist nicht mehr wert als das andere, aber das eine geht auch nicht im anderen auf.Es gibt eine schöne Übersetzung für das Wort, das im griechischen Urtext an dieser Stelle für „lieben“ steht. Es heißt „Willkommen heißen“. Gott liebevoll aufnehmen in meinem Leben, ihn willkommen heißen. Das heißt, dass ich ihm auch Platz gebe in meinem Leben.
Wie ist das mit der Liebe zu sich selbst? Einerseits ist sie als Egoismus verrufen, andererseits tun sich viele Menschen schwer, sich selbst anzunehmen?
Huber: Wir haben eine Tradition der Selbstliebe, die sehr selbstbezogen und abgeschlossen ge- genüber anderen Menschen ist. Aber hier ist es anders gemeint. Allem, was ich tue, geht bereits ein liebevolles Handeln eines anderen voraus. Noch bevor ich jemanden willkommen heiße, bin ich schon willkommen geheißen.
Schröder: Ich möchte noch einmal etwas zur Selbstliebe sagen. Die Liebe zu sich selbst ist nicht gleichzusetzen mit Egoismus. Wenn ich bei der Arbeit in meiner Gemeinde mit diesem Bibelwort zu tun habe, merke ich, wie schnell Menschen ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie einmal etwas für sich selbst tun.Ich stelle dann die Frage, ob die Leute das, was sie für ihren Nächsten tun, auch schon einmal sich selbst gegönnt haben?Wenn sich eine/r zum Beispiel immer sehr viel Zeit nimmt für andere Menschen: Wieviel Zeit nimmt sie/er für sich selbst in Anspruch? Oder wenn eine/r sehr hilfsbereit anderen Menschen gegenüber ist: ist sie/er bereit, sich selbst helfen zu lassen und Hilfe für sich in Anspruch zu nehmen? Oder wenn eine/r es gut versteht, andere Menschen zu verwöhnen: Womit verwöhnt sie/er sich selbst?
Pantic: Ich sehe den Egoismus als eine geschlossene Liebe zu sich selbst, bei der man nicht offen ist für den anderen Menschen. Der Nächste hat dann keinen Raum in meinem Leben. Und dann stellt sich die Frage, wie ich überhaupt für mich alleine leben kann? Gott hat uns geschaffen, um in Gemeinschaft zu leben. Wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, also lieben wir in uns das, was göttlich an uns ist. Die Nächstenliebe ist für mich ein Fundament. Und diese Liebe sollten wir verwirklichen. Nicht mehr und nicht weniger.
Schröder: Ich kann keinem Menschen befehlen, sich selbst zu lieben. Das lebt allein von der Zusage, dass Gott mich und den anderen wunderbar geschaffen hat und ich ein Geschöpf Gottes bin. Und darum kann ich mich selbst lieben.Mir ist noch wichtig zu sagen, dass Nächstenliebe nicht grenzenlos sein kann. Wenn ich hier das Beispiel des barmherzigen Samariters anführen darf: Ich muss mir meinen Nächsten nicht suchen. Er liegt auf meinem Weg. Der barmherzige Samariter tut nur, was im Augenblick nötig ist. Er versorgt den Verletzten und bringt ihn zur nächsten Herberge. Aber auch nicht mehr.
Huber: Ich glaube auch, daß die Nächstenliebe nicht vorschnell auf die Fernsten ausgedehnt werden darf. Es gibt nichts Folgenloseres als die Fernstenliebe. Die Liebe entscheidet sich an dem, was gerade an meinem Lebensweg liegt. Da ist Liebe dann nicht eine große Idee, sondern sie muss verwirklicht werden im eigenen Handeln.