24. Oktober: Der Sonntag der Weltkirche steht ganz im Zeichen Mexikos
Ausgabe: 1999/42, Mexiko, Armut, Sonntag der Weltkirche, Schokolade, Kakao, Jugend
19.10.1999
- Ursula Jahn-Howorka/Missio
Auf der Suche nach einem Platz zum Überleben haben landlose Familien ein Zuckerrohrfeld besetzt. Im Gottesdienst erinnern sich die Landlosen: sie konnten die schwierigen Jahre nur meistern, weil sie Gott an ihrer Seite spürten.
Mitten in der Nacht beginnen die Kirchenglocken zu läuten und ohrenbetäubende Böller kündigen das bevorstehende Fest an. Langsam füllt sich die Kirche in Tepic, der Hauptstadt des Bundesstaates Nayarit im Westen Mexikos, bis auf den letzten Platz. Der Altarraum ist von meterhohen Zuckerrohrpflanzen umgeben. Plötzlich gehen die Lichter aus, und das Gemurmel in der Menge verstummt. Im Schein der Osterkerze liest eine Frau aus dem Buch Exodus: „Wenn dich morgen dein Sohn fragt: Was bedeutet das?, dann sag ihm: Mit starker Hand hat uns der Herr aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt.“ Danach laufen Männer mit Macheten auf das Zuckerrohr zu und schlagen es Strunk für Strunk ab.
Siedlung aus Pappkarton
Was die Menschen zu diesem außergewöhnlichen Gottesdienst zusammenführt, ist ihre gemeinsame Geschichte. Und im Licht der biblischen Erzählungen erfahren sie Gott als ihren Hirten und Befreier. Vor 18 Jahren hatten die damals landlosen Familien ein großes Zuckerrohrfeld besetzt, nachdem sie bei den Behörden jahrelang vergeblich um ein Stück Land angesucht hatten, um darauf eine bescheidene Unterkunft zu bauen. Gemeinsam rodeten sie das Grundstück, das eigentlich für Domizile von Regierungsbeamten vorgesehen war, parzellierten es und errichteten darauf ihre Hütten aus Pappkarton. Um sie in ihrem gewaltfreien Kampf für das Grundrecht auf Wohnen zu begleiten und sie beim Aufbau von Basisgemeinden zu unterstützen, zogen auch vier Schwestern der Kongregation der Helferinnen in eine Pappkartonhütte.
Schließlich hatten die gut organisierten SiedlerInnen Erfolg: Die Behörden verkauften ihnen das besetzte Land. Später erreichten sie auch, dass eine Stromleitung ins ehemalige Zuckerrohrfeld gelegt und ein Wasseranschluss gegraben wurde. „Die Schwierigkeiten und Konflikte dieser Jahre konnten wir nur meistern, weil wir spürten, dass Gott an unserer Seite ist“, erzählt Maria de Los Santos, eine Frau der ersten Stunde des Stadtviertels.
Begleiterin auf allen Wegen
Der mitternächtliche Gottesdienst in Tepic endet mit einem Gebet an die Jungfrau von Guadalupe, die dunkelhäutige Gottesmutter. Sie war 1531 Juan Diego erschien und ihr Bild ist heute in jeder Kirche anzutreffen, in jedem Haus, auch in der einfachsten Bretterbude, in Autobussen, hinter den Winschutzscheiben der Lkws und auf Busbahnhöfen. Sie ist Schutzpatronin aller MexikanerInnen – ganz besonders der Armen. Sie ist Zuflucht, Beistand und Hoffnung angesichts der Nöte der Zeit.
Armut stark gewachsen
Für die Bevölkerungsmehrheit in Mexiko sind in den letzten Jahren die Schwierigkeiten nicht weniger geworden. 26 der knapp 100 Millionen MexikanerInnen leben in extremer Armut, um neun Millionen mehr als noch vor fünf Jahren. In den Bundesstaaten Chiapas, Guerrero und Oaxaca sind 70 Prozent der Kinder unterernährt. Zwar entstehen durch den 1994 in Kraft getretenen Freihandelsvertrag mit den USA und Kanada (NAFTA) neue Arbeitsplätze in der Exportindustrie, doch die meisten ArbeiterInnen verdienen kaum mehr als den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von 40 Schilling pro Tag. Damit ist es kaum möglich, eine Familie zu erhalten.
Kirche der Indios
Vorbild für eine in der Kultur des Volkes verwurzelte „Kirche der Armen“ ist der Weg der Diözese San Cristóbal de Las Casas mit ihrem Ortsbischof Don Samuel Ruiz, der am 3. November seinen 75. Geburtstag begehen wird. 80 Prozent der Bevölkerung in der Diözese im südlichen Unruhebundesstaat Chiapas sind Indígenas, die meisten Nachkommen alter Maya-Völker.
„Durch die aktive Teilnahme in ihrer Kirche und in ihren Entscheidungsprozessen sind sich die Indígenas wieder ihrer Würde und ihrer Möglichkeiten bewusst geworden“, resümiert Bischof Ruiz seine bald 40jährige Amtszeit. 8000 indigene Gemeinden sind in dieser Zeit gewachsen, 240 Indígenas wurden zu Diakonen geweiht, 480 dienen ihren Gemeinden als „Prädiakone“ (Vorstufe zum Diakonatsamt) und Tausende indigene Katechistinnen und Katechisten bereiten Kinder und Erwachsene auf die Sakramente vor.
„Ihr seid die Träger der Evangelisierung dieses Kontinents“, rief Papst Johannes Paul II. bei seinem Mexikobesuch im Jänner 1999 den Indígenas zu. Bei den lebendigen Feiern ihren Gemeinden und bei ihrem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung wird der Wahrheitsgehalt dieses Satzes spürbar.
Stichwort: Sonntag der Weltkirche
Im Zentrum der weltweiten Bemühungen steht an diesem Sonntag die Hilfe für den Einsatz und das Überleben der 1000 ärmsten Diözesen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien. 1998 wurden aus diesem Anlass österreichweit 29,5 Millionen Schilling für Missio gespendet.
Hot chocolate: Die heißeste FAIRsuchung
„Hot chocolate – die heißeste FAIRsuchung“ ist das Motto der Jugendaktion zum Sonntag der Weltkirche. In ganz Österreich werden 100.000 Tafeln fair gehandelter Schokolade verkauft. KleinbäuerInnen aus Ghana, Kamerun und Costa Rica haben dafür die Kakaobohnen geerntet und das Zuckerrohr geschnitten. Damit stellen die über 600 Gruppen, die an der Jugendaktion teilnehmen, die Ungerechtigkeiten rund um die Schokolade in den Mittelpunkt: 80 Prozent des Kakaowelthandels wird von fünf Multis kontrolliert. Seit 1980 ist der Weltpreis für Kakao um zwei Drittel gefallen. Dass die VerbraucherInnen mitsteuern können ist nahe liegend: Denn drei von vier Schokoladetafeln werden in der EU und den USA verzehrt. Höhepunkt der Jugendaktion ist eine weltweite Diskussion (www.kath-jugend.at/hotchoc.htm), bei der es am 30. Oktober ab 17 Uhr heiß hergeht.