Ökumenisches Gespräch zu den Bibeltexten des Sonntags
Ausgabe: 1999/44, Ökum. Gespräch
03.11.1999
- Walter Greußing
Als Vorbereitung auf den Christentag 1999 hat die Kirchenzeitung Christinnen und Christen verschiedener Kirchen zum Bibelgespräch eingeladen. Gäste dieses Sonntags waren Eva-Maria Franke, Pfarrerin in Bludenz, Max de Wilde, Pastor zweier Pfingstgemeinden, und Pfarrer Paul Riedmann, Feldkirch.
Das Gleichnis von den verschiedenen Jungfrauen, ist es besonders aktuell?Eva-Maria Franke: Das Ganze steht im Zusammenhang der Endzeitreden Jesu. Mir wäre wichtig bei dem ganzen Sprechen über Endzeit, Gericht, Wiederkehr Jesu, dass man dann nüchtern bleibt und „wacht, denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe“ (1. Petrusbrief 5,8). Damit man nicht diesen ganzen Millenniumswahn mitmacht. Ich denke, wir haben die Verantwortung gegenüber den Menschen, dass wir nicht biblische Aussagen dazu benutzen, irgendwelche Endzeitängste zu schüren.
Max de Wilde: Obwohl mir scheint, dass die Zeit weit fortgeschritten ist. So sehe ich das vom Wort Gottes und von der Prophetie her. Aber ich möchte keinem irgendwie Angst machen, sondern die Leute ermutigen und sagen: „Wir warten auf Jesus. Ich warte nicht auf eine Endzeit, nicht auf ein Gericht, nicht auf ein Erdbeben, sondern konkret auf Jesus.Zeigt nicht das Gleichnis, dass man Jesus bzw. sein Festmahl auch verpassen kann – aus eigener Schuld?Eva-Maria Franke: Ich muss einräumen, dass ich ein Problem habe mit den „törichten“, andere Übersetzungen sprechen von „gedankenlosen“ oder „leichtsinnigen“ Jungfrauen. Ich habe einen Satz von Eugen Drewermann in Erinnerung: „Ein Himmel, in dem nicht alle Menschen sind, ist kein Himmel.“ Und dieses Ausgeschlossensein der Törichten am Ende widerspricht für mich eigentlich der Liebe Gottes. Dieses Ausgeschlossensein, die Tür ist zu, danke, das war’s, ihr seid draußen. „Ich kenn euch nicht!“. Das ist für mich ein ganz hartes Ding.
Max de Wilde: Ich kann das vom eigenen Erleben her so sehen: Es gibt Leute, die leben im Reich Gottes und die anderen leben im Reich der Finsternis. Doch entscheidend bleibt für mich die Liebe Gottes. Weil ich überzeugt bin, dass jeder Mensch zwei- bis dreimal intensiv gerufen wird von Gott selber. Dann liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen, was er daraus macht. Aber dass es ein Zuspät gibt, kann ich mir vorstellen, selbst wenn ich mich damit schwer tue. Es hat einer einmal gesagt, wenn jemand auf einen Abgrund zurennt, dann tu ich alles, um ihn zurückzureißen – auch wenn ich ihn dabei verletzen muss. Und das ist für mich in diesem Zusamenhang ein gutes Bild.
Paul Riedmann: Es heißt ja nicht, dass es so sein muss, aber dass es so sein kann. Ich denke, es ist ein Appell an jeden einzelnen Christenmenschen. Die Jungfrauen haben ja alle gewusst, was ihr Dienst, ihre Aufgabe ist für den Herrn, für den Bräutigam. Und die einen sind wirklich verantwortlich mit dieser Aufgabe umgegangen, mit dieser Berufung, und die anderen offenbar unverantwortlich. Und dann kann es dieses Zuspät geben. Das ist schon eine Schocktherapie, die schüttelt und rüttelt, aber eben in dem Sinn: Schau zu, dass es nicht so weit kommt.
Eva-Maria Franke: Ich möchte solche Stellen als Einladung verstanden wissen. Wir dürfen sie nicht missbrauchen für den erhobenen Zeigefinger, sondern das Lockende, Einladende gilt es, deutlicher zu machen. Eine drohende Haltung von der Kanzel runter, mit der könnte ich mich nicht einverstanden erklären. Das würde für mich wirklich dem biblischen Zeugnis widersprechen.
Max de Wilde: Andererseits kenne ich viele Menschen, die aufgrund von so einer harten Botschaft – „Du gehst in die Hölle, wenn du dich nicht bekehrst“, sich wirklich für Gott entschieden haben – die haben das gebraucht, während andere das abgeschreckt hat. Außerdem zeigt sich mir die wahre Liebe des Bräutigams daran, dass er noch nicht gekommen ist. Dass wirklich noch eine Zeit ist der Gnade, der Umkehr, wo sich bis an die letzten Enden dieser Welt Menschen aufmachen, erst einmal das Evangelium zu verkündigen, aber dann auch, dass sich Menschen dem Evangelium zuwenden. Paul Riedmann: Also Jesus wünscht für jeden Menschen den Himmel und will diesen Himmel, dieses Geborgen in seiner und in Gottes Liebe, aber es geht nicht ohne persönliche Annahme, ohne persönliche Entscheidung dafür . Und solche Stellen sind persönliche Herausforderungen an die Entscheidung, an meine Entscheidung – aus Glauben und Liebe zu ihm.
Meist wird in Diskussionen zu diesem Thema eingeworfen: Was ist mit denen, die nie etwas von Jesus gehört haben?
Max de Wilde: Für mich ist Gott absolute Liebe – und absolut gerecht. Zudem bin ich überzeugt, dass jeder Mensch irgendwie selber in Berührung gekommen ist mit Gott oder er Gott in der Schöpfung erkennt und von daher weiß: Das ist doch von Gott geschaffen, den muss ich jetzt anbeten. Entscheidend ist die Antwort des Menschen.
Eva-Maria Franke: Wir dürfen doch festhalten: alle sind gleichermaßen von Gott erschaffen, geliebt, erlöst. Dafür ist ja Jesus Christus gerade in die Welt gekommen, dass auch der, der mit Sünden belastet ist, Gnade finden kann.
Paul Riedmann: Mir ist da die Stelle aus dem Wort Gottes wichtig, wo es heißt bei Johannes: „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Also wenn sich jemand, der Jesus Christus nicht kennt, für die Liebe entscheidet und diese Liebe lebt, dann ist er in Gott für mich, und das ist Hoffnung gebend.
Eva-Maria Franke: Für mich lautet die positive Nachricht des Ganzen insgesamt: „Wir sollen Gottes Wirklichkeit so ernst nehmen, das wir jederzeit mit ihr rechnen.“ Das steckt für mich vor allem da auch drin.