Ermutigung zu gegenseitiger Hilfe nach dem Tod eines Kindes
Ausgabe: 1999/44, Tod, Mülleder
03.11.1999
- Maria Haunschmidt
Das gleiche Schicksal verbindet sie, mitten hinein ins volle Leben geschah das Unfassbare – der Tod eines Kindes.
Die Selbsthilfegruppe „Trauernde Eltern“ Linz gab zum zehnjährigen Bestehen ein berührendes Buch heraus, um Betroffenen zu helfen, es ist aber auch ein Stück Aufarbeitung eigener Trauer. Geteiltes Leid ist zwar nicht halbes Leid, aber die Last des Unfassbaren lässt sich gemeinsam ein bisschen besser tragen. „Nicht nur Eltern, auch Geschwister brauchen liebevolle Unterstützung, wenn ein Bruder oder eine Schwester stirbt“, so die Erfahrung von Josefine Mülleder aus Hellmonsödt, Gründerin der Selbsthilfegruppe„Trauernde Eltern“ im Linzer „Haus der Frau“. Sie ist die Herausgeberin und hauptverantwortliche Redakteurin des neuen Buches „Weiterleben nach dem Tod eines Kindes“. Sohn Markus ist vor elf Jahren im Alter von 16 Jahren bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Auch sie selber war lange Zeit eine verzweifelte Hilfesuchende und unendlich dankbar, wenn jemand sie in ihrem Schmerz ernstnahm, ihr zuhörte, die Erinnerungen teilte und nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergehen wollte. „Mit der Zeit lernt man eine neue Art zu leben, und das Schöne wieder zu sehen“, erzählt Josefine Mülleder im Rückblick. Sie kreidet eingefahrene Geflogenheiten an: „Der Tod ist in unserer Gesellschaft tabuisiert, das Leid ausgegrenzt und nicht eingebunden ins Leben. Und weil wir nicht gelernt haben, über den Tod zu reden, ist auch die Umgebung hilflos und die Menschen unfähig mit ihren Gefühlen, mit ihrem ganzen Mensch-Sein auf die betroffenen Familien und ihr Leid/en einzugehen. Man gesteht einem Menschen auch nur eine kurze Zeit der Trauer zu. Das alles macht es noch viel schwieriger, mit der eigenen Trauer über den Tod eines Kindes umzugehen und sie zuzulassen!“ Heute möchte Josefine Mülleder Betroffene ermutigen, mit Gleichgesinnten in einer Selbsthilfegruppe Trauer aufzuarbeiten, und sie will darüber hinaus auch in der Öffentlichkeit Verständnis für die Wichtigkeit der Trauerarbeit erreichen.
Trauer nicht verdrängen
Über das neue Buch werden betroffene Angehörige ermutigt zu ihrer Trauer zu stehen, über das Unfassbare zu sprechen und nicht den Weg des Verdrängens zu wählen. Das funktioniert nämlich nicht. Trotz aller Poesie in Wort und Bild und den zutiefst menschlichen Zeugnissen sind in dem neuen Buch auch ganz handfeste Forderungen enthalten. Ziele und Visionen der Selbsthilfegruppe und der Buchautoren und -autorinnen:
- Trauer soll in unserer Gesellschaft zugelassen und durchlebt werden können. - Zusammenarbeit mit den Berufsgruppen, die beim Tod eines Kindes in besonderer Weise gefordert sind, wie Ärzte, Notärzte, Polizei und Gendarmerie, Ersthelfer, Kliniken, Seelsorger, Bestatter, Lehrer und Hospizbewegung. - Österreichweite Vernetzung aller Trauergruppen. - Einmal jährlich soll ein ökumenischer Gottesdienst für verstorbene Kinder organisiert werden.
Josefine Mülleder ist auch gern bereit, Eltern beim Aufbau einer Selbsthilfegruppe beizustehen.Das Buch „Weiterleben nach dem Tod eines Kindes“ ist bei Josefine Mülleder, Hellmonsödt, Tel. 07215/35 02 oder bei Ursula Leithinger, Linz, Tel. 0732/34 73 69, sowie im „Haus der Frau“ in Linz, Tel. 0732/66 70 26, erhältlich. (Druckkostenbeitrag S 160,– plus Porto).
Ein Vater ...
Unsere verstorbenen Kinder sind immer bei uns. Leider nicht mehr körperlich, was diesen ständigen seelischen Schmerz verursacht. Ihr müsst loslassen, sagen die Leute, und das Leben geht weiter, sucht euch eine neue Aufgabe. Und ihr habt ja noch andere Kinder. Und macht doch was Vernünftiges zur Ablenkung. Und hört doch auf, jeden Tag auf den Friedhof zu gehen, ihr macht euch doch verrückt. Sie denken, wir sind bereits verrückt und viele gehen uns deshalb lieber aus dem Weg. Wir haben nicht nur einen Vogel, sondern viele. Die Buchfinken mit ihren blauen Schnäbeln – wie die blauen Lippen unserer herzkranken Kinder – gehen zwischen unseren Füßen umher, wenn wir auf dem Friedhof sind – so schreibt ein Vater.
Aus dem Buch „Weiterleben nach dem Tod eines Kindes“
Ratschläge – als Schläge empfunden- Du musst dich zusammennehmen! - Du bist ja noch so jung. Du kannst noch Kinder bekommen! - Alles wird wieder gut! Du musst positiv denken! - Du musst vergessen können! - Manchmal müssen Unfälle passieren, damit die Menschen wieder nachdenken! - Es gibt noch Schlimmeres! - Du musst jetzt stark sein! - Man muss annehmen, was geschehen ist.