Seine 89. Auslandsreise führte Papst Johannes Paul II. vom 5. bis 9. November zum Abschluss der Asiensynode nach Indien und Georgien. Drei Mal griff der Papst in den Korb mit roten Blüten und streute sie nachdenklich auf die Gedenkstätte des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi. „Keine Kultur kann überleben, wenn sie versucht, exklusiv zu sein“, schrieb der anschließend in das Gästebuch des Raj Ghat. An jener Stelle war der Vater der Nation nach seiner Ermordung durch einen fanatischen Hindu 1948 eingeäschert worden. Die Zeremonie war erster Höhepunkt des Papstbesuches am Samstag in Indien. Sichtlich bewegt erwies der Papst dem seine Aufmerksamkeit, der mit gewaltfreien Mitteln Unabhängigkeit und Gerechtigkeit durchsetzte. Gandhi hatte sich gegen jene Übel gewandt, die auch Johannes Paul II. bekämpft: dass Politik nicht prinzipienlos sein darf, dass Moral auch in die Geschäftswelt gehört und dass es Wissenschaft ohne Menschlichkeit nicht geben darf.
Nach der Polemik faschistoider Hindugruppierungen gegen den Papstbesuch unterstrich beim offiziellen Empfang sowohl Staatspräsident Kocheril Raman Narayanan die Toleranz seines Landes. Auch Ministerpräsident Atal Bihari Vajpayee beschwor gegenüber dem Papst: „Die beste Botschaft für das dritte Jahrtausend muss das Zusammenleben sein.“ Vizepräsident Krishan Kant erklärte: „Indien muss ein Himmel für alle Religionen bleiben; denn wir alle glauben, dass Religion und Kultur Synonyme sind, dass Religion und Nation aber nicht sinnverwandt sind.“ Eine unmissverständliche Absage an militante Hindus, die in Indien die Trennung von Religion und Staat abschaffen und das Land zu einem hinduistischen Staat machen wollen, und die im gleichen Atemzug den religiösen Minderheiten das Leben schwer machen.
Spirituelle Einheit
Gerade 2,6 Prozent (26 Mill.) der Bevölkerung Indiens sind Christen. Bei dieser Minderheitensituation hatte das Treffen des Papstes mit Vertretern der Religionen am Sonntag Abend mehr als nur symbolische Bedeutung. Es war eine bunte Feier mit vielen Friedenswünschen und freundlichen Worten an den Papst. Zu Beginn wurden nach indischem Brauch Kerzen entzündet. Eine Hindusängerin trug ein Friedenslied vor. Nacheinander sangen ein Muslimvertreter und ein Rabbi Gebetstexte. Ein Hindupriester begrüßte „Shri Pope John Paul II.“ als „Herrscher der Herzen von Millionen Christen“. Der Hinduismus trete für Wahrheit, Liebe und gutes Verhalten ein; in diesem Geist begrüße er den Staatsgast: „Wir sind Ihnen äußerst dankbar für Ihre Botschaft der Liebe und Ihren Besuch.“ Der Papst habe seine Mission, „eine spirituelle Einheit in der Welt zu etablieren, und wir sind dabei mit Ihnen“, so der Hindupriester: „Akzeptieren Sie die Offenheit unserer Religion und unserer Liebe.“Johannes Paul II. betonte, der Dialog mit den Religionen sei kein Versuch, die eigene Sichtweise anderen aufzuerlegen. Andernfalls würde ein solcher Dialog zu einer Form „geistiger und kultureller Beherrschung“ werden. Das bedeute allerdings nicht, die jeweiligen Überzeugungen aufzugeben, sondern am eigenen Glauben festzuhalten und gleichzeitig voller Respekt den anderen zuzuhören und all das zu entdecken, was gut und heilig ist.Er erinnerte an die grundlegenden moralischen Überzeu-gungen, die Gläubige aller Religionen teilten. Dazu gehöre auch die Gewissheit, dass die gegenwärtigen Herausforderungen nur auf der Grundlage von Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit bewältigt werden könnten.