Der Tanz ist in Indien eine der bedeutendsten religiösen Ausdrucksformen. Die katholische Kirche betreibt deshalb eine eigene Schule, in der traditionsreicheTänze zur Verkündigung des Evangeliums einstudiert werden. Die Katholische Frauenbewegung Österreichs hat dieses Projekt mit Mitteln aus ihrer Aktion „Familienfasttag“ unterstützt.
Eine Schar bunt gekleideter, stark geschminkter und reich geschmückter Tänzerinnen wiegt und dreht sich, stampft und tänzelt in exakten Schrittkombinationen. Die Gruppe Kalai Kaviri beherrscht die alte Kunst des hinduistischen Tempeltanzes, bei dem jede kleinste Bewegung seit Jahrhunderten eine Botschaft vermittelt. Mit Hilfe traditionsreicher Ausdrucksform werden auch Tanzdramen aufgeführt, in denen die frohe Botschaft des Evangeliums vermittelt wird. So wird eine tiefverwurzelte indische Kulturform für zeitgemäße christliche Verkündigung genutzt.
Inkulturation nennen Fachleute diese Vorgangsweise. Doch das ist nichts Neues. Bereits im 17. Jahrhundert suchte der Missionar Robert de Nobili in Südindien einen Weg, um der Bevölkerung das Evangelium verständlich zu machen: um nicht als kasten- und somit ehrloser Fremdling zu gelten, passte er seine Lebensweise der indischer Asketen an und predigte eine neue, wahre „Veda“ – eine Heilige Schrift, die allen Menschen Erlösung bringt. Auf diese erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder geschätzte Tradition greift das Zentrum Kalai Kaviri zurück. Dieses katholische Zentrum in der Stadt Tiruchirapalli im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu will die vielfältige indische Kultur in ihrer ganzen Bandbreite nicht zur Seite schieben, sondern Traditionen pflegen und deren religiöse Bedeutung bewusst machen.
Die hinduistischen Tempeltänze sind geprägt von uralten religiösen Vorstellungen: Im Tanz identifiziert sich der Mensch mit dem Göttlichen. Er überwindet seine materielle Verbundenheit und nähert sich dem höchsten Ziel, der Vergeistigung und Erlösung. Diese Art des Tanzes ist geprägt von einer eigenen Sprache: Jede Mimik, Gestik und Körperhaltung hat ihre Bedeutung und unterliegt festen Regeln. In traditionsreichen, meist sehr teuren Tanzschulen können auserwählte Kastenmitglieder diese Kunst lernen. Kalai Kaviri steht hingegen für Angehörigen aller Religionen offen. Hier tanzen Hindus, Moslems und Christen miteinander. In dem Zentrum erhalten vor allem begabte Mädchen und Frauen aus armen Familien und niedrigen Kasten eine Tanzausbildung. Sie ermöglicht ihnen, als Lehrerinnen zu arbeiten und einen sozialen Aufstieg zu machen.
Dies wird durch ein von der Aktion „Familienfasttag“ der Katholischen Frauenbewegung Österreichs (kfb) finanziertes Stipendienprogramm ermöglicht. Gemeinsam tragen kfb und Kalai Kaviri dazu bei, dass die katholische Kirche, der nur vier Prozent der Einwohner in Tamil Nadu angehören, für ihr soziales Engagement in allen Bevölkerungsgruppen und als Förderin und Bewahrerin des kulturellen Erbes Indiens zu einer glaubwürdigen, indischen Kirche wird.