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Eine Ermutigung, sich auf das Leben einzulassen

Ökumenisches Gespräch zu den Bibeltexten des Sonntags
Ausgabe: 1999/45, Ökum. Gespräch, Evangelienkommentar
09.11.1999
- Walter Hölbling
Als Vorbereitung auf den Christentag 1999 hat die Kirchenzeitung Christinnen und Christen verschiedener Kirchen zu einem Bibelgespräch eingeladen. Gäste dieses Sonntags waren Klinik-Seelsorgerin Claudia Schröder (evangelische Kirche), Pfarrer Petar Pantic (serbisch-orthodoxe Kirche) und Seelsorgeamtsleiter Florian Huber (römisch-katholische Kirche).

Schröder: Ich sehe im Gleichnis von den Talenten in erster Linie nicht eine Geschichte über Gott. Jesus erzählt vielmehr davon, dass Bilder, die wir uns von Gott machen, unser Leben und Handeln beeinflussen. Ich würde diese Geschichte als eine „Mutmacher-Geschichte zum Risiko“ bezeichnen.

Also will dieses Gleichnis gar nicht vor dem strafenden Gott mahnen?
Huber: Bisher hat man diese Geschichte wohl oft so erzählt. In dem Sinn, wie auch ein kurzer Spruch lautet: „Ein Auge ist, das alles sieht, auch was in finstrer Nacht geschieht.“ Mit diesem Gott, der alles sieht, der den Menschen ständig beobachtet und dem kein Geheimnis entgeht, sind ganze Geschichten des Glaubens geschrieben worden. Vor diesem Gott kann man eigentlich nur Angst haben. Da ist dann aus der Mutmacher-Geschichte eine Angstmacher-Geschichte geworden. Aber das Gleichnis Jesu ist anders gemeint.

Pantic: Ich würde sagen, der dritte Diener mit dem einen Talent hat Angst, anstatt zu vertrauen. Wenn er mehr Vertrauen in den Herrn hätte, müsste er keine Angst haben. Er sollte wissen: sein Herr ist der barmherzige Gott.Es ist allen Menschen aufgetragen, die Gaben, die sie von Gott erhalten, zu vermehren. Aber wenn der Mensch nicht mittut, sondern die Talente irgendwo vergräbt, können sie sich nicht vermehren. Das Gleichnis ist gewissermaßen eine Aufforderung, mit Gott zusammenzuarbeiten.

Schröder: Mir fällt noch auf, dass es dem dritten Knecht deshalb schlecht geht, weil er mit seinem Talent nichts getan und es stattdessen vergraben hat. Dabei war das damals ja eine ganz sichere Art, sein Geld aufzubewahren. Gut geht es den anderen, die ein Risiko eingegangen sind. Der dritte Knecht hat das, was er zum Leben mitbekommen hat an Fähigkeiten und Talenten, nicht gelebt, sondern vergraben. Und wenn ein Mensch seine Talente eingräbt und nicht lebt, das ist ja wirklich „Heulen und Zähneklappern“, wie es in der Übersetzung von Martin Luther heißt. Dem geht es schlecht, und zwar bereits in diesem Leben.

Huber: Mir wird noch einmal deutlich, dass dem, der das Talent vergraben hat, auch dieses eine noch genommen wird. Es wird dem gegeben, der die meisten Talente hat. Damit stellt Jesus den Kontrast noch einmal deutlich heraus: genau darauf, auf dieses eine Talent, käme es an.Ich habe einmal gesehen, wie eine Jugendgruppe dieses Gleichnis gespielt hat. Auch die einzelnen Talente wurden von Personen gespielt. Das vergrabene Talent ist mir in Erinnerung geblieben. Das war einer, der sich eingegraben hat. Er war gleichsam so eingeschränkt in seinen Lebensmöglichkeiten, dass er gar keine Luft mehr zum Atmen hatte. Dieses Bild hat sich mir eingeprägt. Ich glaube, dass dieses Gleichnis ein Ruf mitten ins Leben hinein ist. Mir fällt auch auf, dass in der Geschichte niemand überfordert wird. Jeder und jede bekommt nach seinen Fähigkeiten. Leis-tungsdruck wird nicht ausgeübt, so als müßte jemand mit einem Talent gleich das Zehnfache erwirtschaften.

Schröder: Das finde ich ganz wichtig. Es kommt nicht darauf an, wie viele Gaben jemand bekommen oder nicht bekommen hat. Wer fünf Talente erhalten hat, lebt diese fünf, wer zwei erhalten hat, lebt diese beiden. Nur der mit dem einen Talent, der lebt dieses eine nicht. Es kommt in diesem Zusammenhang nicht darauf an, dass es nur eines ist, sondern dass es verbuddelt ist und nicht gelebt wird.Ich glaube, was den Diener am Leben hindert, ist seine Angst, Fehler zu machen. Das Gleichnis ist in gewisser Weise eine Geschichte, die Mut machen will, ruhig auch Fehler zu riskieren. Denn die Angst, etwas falsch zu machen, hindert den Menschen am Leben.

Von welchen Talenten ist denn im Gleichnis eigentlich die Rede? Sind das ganz außergewöhnliche Geistesgaben?
Huber: Das Leben spielt sich selten in diesen hehren Höhen ab, sondern ist eine alltägliche Geschichte. Wenn jemand zum Beispiel die Gabe des Humors hat und andere zum Lachen bringen kann, ist das schon sehr viel wert.

Schröder: Alles, was das Leben bunt, reich und schön macht, zählt zu diesen Talenten. Ich kann die Talente nicht einteilen in die, die für das Reich Gottes gut sind, und andere, die es nicht sind.

Pantic: Man kann seine Talente natürlich nach zwei Seiten hin einsetzen. Ich kann zum Beispiel mit meiner Stimme singen und Gott verherrlichen, ich kann damit aber auch Befehle erteilen, um Schreckliches zu tun. Ich denke, der Knecht mit dem einen Talent hat seine Talente nicht genutzt, sondern ausgenutzt. Er hat auch etwas getan mit dem Talent: er hat es vergraben. Wir sollten aber Vertrauen haben in unseren Herrn und dann die Talente, die uns geschenkt sind, vermehren. Der Diener hat sein Talent schlecht genutzt, weil ihm das Grundvertrauen gefehlt hat. Der Mensch sollte aber keine Angst haben, denn die vollkommene Liebe, die Gott ist, vertreibt die Angst.

Schröder: Ohne Angst zu sein ist natürlich ein sehr hoher Anspruch. Zum Menschsein gehört die Angst dazu. Diese Geschichte zeigt, dass der Mann genau das, was er sich sichern will, indem er es vergräbt, nicht sichern kann. Der Mensch ist also immer angewiesen – sowohl auf Gott als auch auf andere Menschen.

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