Eine bundesweite Kampagne der Evangelischen Kirche in Deutschland
Ausgabe: 1999/46, Sonntag, Evangelische Kirche
16.11.1999
- Walter Achleitner
„Der Sonntag – einfach weg damit?“ Die Evangelische Kirche Deutschlands stellt mit Zeitungsinseraten, Kinospots und großflächigen Plakaten den Sonntag zur Diskussion.
Rolltreppen führen nach oben, Massen von Besuchern des Kaufhauses streben auf ihnen der nächsthöheren Etage entgegen. Der Text zum Bild verrät: Sonntagsspaziergang. Denn mit der Fahrt ins Blaue oder dem Picknick im Grünen sei es aus und vorbei, falls der Sonntag zum Alltag wird, heißt es auf den Plakaten, mit denen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zum Nachdenken anregt.
Udo Kilimann, Verantwortlicher der Aktion, ist über den Erfolg nach den ersten vier Kampagne-Wochen zufrieden: „Über die Plakate wird heftig diskutiert.“ Doch besonderes Lob für die Öffentlichkeitsaktion „Ohne Sonntag gibt’s nur noch Werktage“ erhielten die 24 Landeskirchen am vorletzten Sonntag aus dem Munde Gerhard Schröders. In seiner Rede vor der Synode der evangelischen Kirche sprach der deutsche Bundeskanzler von einer „feschen Kampagne“. Und er stellte sich hinter die Forderung der Kirchen, den Sonntag im Sinne der Verfassung zu schützen: „als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“.
Noch tief in den Gliedern steckt den Kirchenverantwortlichen der Schmerz darüber, dass ihnen vor fünf Jahren ein Feiertag abhanden gekommen ist. Zur Finanzierung der Pflegeversicherung wurde statt einer Steuererhöhung der protestantische Buß- und Bettag im November zum Werktag. „Im Nachhinein sagen wir alle: das haben wir verschlafen“, urteilt Udo Kilimann von der Landeskirche im Rheinland.
Darum läuteten in den Kirchen die Alarmglocken, als im Juni in Berlin und mehreren ostdeutschen Städten auch an Sonntagen die Konsumtempel ihre Pforten öffneten. Für kirchliche Verhältnisse relativ rasch, meint Kilimann, sei es dann gelungen, die Sonntags-Kampagne umzusetzen, und zwar erstmals bundesweit. Dass es anders als beim gemeinsamen Sozialwort „Menschen brauchen den Sonntag“ der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz keine ökumenische Aktion ist, sei an der katholischen Kirche gescheitert. Dort waren im September die Kräfte mit den Diskussionen rund um die Schwangerschaftskonfliktberatung gebunden. „Viele sagen, das sei geradezu ein kirchliches Wunder“, beschreibt Kilimann die innerkirchlichen Reaktionen. Nicht nur, dass sich die 24 Landeskirchen in wenigen Stunden auf die Aktion einigen konnten, sondern auch, dass 14 Millionen Schilling dafür bereitgestellt wurden. Doch der kirchliche Öffentlichkeitsarbeiter in Düsseldorf relativiert das Wunder. Denn Merzedes war der Imageschaden durch den misslungenen Elch-Test seiner neuen Wagenklasse alleine in Deutschland eine halbe Milliarde Schilling wert.
Wegen des engen finanziellen Spielraums, ein einziges ganzseitiges Inserat in der Bild-Zeitung hätte mehr als ein Viertel des Budgets verschlungen, haben die Verantwortlichen Schwerpunkte gesetzt: die Zielgruppen sind Meinungsmacher, regionale Zei-tungen in Ostdeutschland und vor allem die Gruppe der 16- bis 30-Jährigen. Sie sollen vor allem mit Kinospots erreicht werden, die seit November auf Hunderten von Leinwänden für den Sonntag als Ruhetag werben.Positiv überrascht ist Udo Kilimann, dass bisher niemand die Rolle der Kirche als Anwältin des Sonntags in Frage gestellt hat. Und mit den 200.000 Plakaten in den Gemeindeschaukästen wird der Sonntag auch innerkirchlich diskutiert. „Die Pfarrerinnen und Pfarrer strengen sich an, damit der Sonntag zu einem Feier-Tag wird.“