Österreichs Kirchen melden sich bei der Gestaltung des öffentlichen Lebens verstärkt zu Wort. Beim „Christentag 1999“ am 27. und 28. November fällt der Startschuss für die Erarbeitung eines gemeinsamen Sozialwortes der christlichen Kirchen. Bis zum Frühjahr 2001 soll die Vorbereitung auf breiter Basis laufen.
In der Diözese Linz will die Katholische Aktion „Minderheitengespräche“ beginnen. Die Laienorganisation möchte damit auf die Anliegen von Gruppen, die unter Diskriminierungen zu leiden haben oder die von sich aus schwer Gehör in der Gesellschaft finden, aufmerksam machen. Anlass für dieses Vorhaben ist der Konflikt um den Solidaritätspreis der Kirchenzeitung, der bekanntlich der Homosexuellen-Initiative zuerkannt, dann aber nicht verliehen wurde. Auch der Pastoralrat der Diözese Linz will sich „im Sinne des Dialogs für Österreich“ verstärkt mit der Frage Kirche und Homosexualität befassen.
Eine Politik des Dialogs
Bischöfe fordern Maßnahmen zum Abbau gesellschaftlicher Konflikte
Mit den wachsenden gesellschaftlichen Spannungen, der schwierigen Lage nach den Wahlen, der Sonntagsfrage und einem Sozialwort der Kirchen beschäftigte sich letzte Woche die Bischofskonferenz.
„Wir brauchen einen Dialog für Österreich – nicht nur in der Kirche.“ Dies betonte Kardinal Christoph Schönborn am Ende der Bischofskonferenz. Er verwies dabei auf die im Wahlkampf aufgebrochenen gesellschaftlichen Spannungen um Fremdenpolitik und Ausgrenzung, aber auch auf die sich schwierig gestaltenden Koalitionsverhandlungen. Schönborn betonte, dass Österreich seine Lektion aus der gewalttätigen politischen Konfrontation in der Ersten Republik gelernt habe. Der soziale Friede und der wirtschaftliche Erfolg des Landes beruhen auf dem Dialog und der Konsensfähigkeit der unterschiedlichen politischen Kräfte. Diese Gesprächsfähigkeit und Verantwortung für das Gemeinwohl sei jetzt besonders gefordert, da, so die Bischofskonferenz, eine „bedrohliche Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas“ festzustellen sei. Fremdenangst und Vorurteile wurden politisch ausgenutzt, vorhandene Probleme mit der Eingliederung von Ausländern zu wenig ernst genommen, kritisieren die Bischöfe. Sie fordern eine Politik des Dialogs, anstatt Menschen auszugrenzen und abzustempeln, und bieten die Mitarbeit der Kirche an.
Scheue vor Volksbegehren
Zum zweiten gesellschaftlich brisanten Thama auf dem Tisch der Bischofskonferenz, dem Schutz des gemeinsamen arbeitsfreien Sonn- und Feiertags, gab es die von manchen erhoffte Weichenstellung in Richtung eines Volksbegehrens nicht. In der Bischofskonferenz scheint die Meinung derer, die einem Volksbegehren zur Sicherung des Sonntags einen Erfolg zutrauen, in der Minderheit zu sein – trotz der bereits über 250.000 Unterschriften der „Allianz für den Sonntag“. Zwei andere Vorschläge der von Bischof Aichern geleiteten Dialog-Projektgruppe „Sonn- und Feiertag“ fanden die Zustimmung der Bischöfe: Die österreichweite Vernetzung der „Allianz für den Sonntag“ sowie eine verstärkte Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sollen unterstützt werden. Dazu planen die Bischöfe auch einen Hirtenbrief für das kommende Jahr. Ebenso unterstützen die Bischöfe das Ziel, den Schutz des gemeinsamen arbeitsfreien Sonn- und Feiertags in der Verfassung zu verankern. Da über die Frage der arbeitsfreien Sonn- und Feiertage die Institutionen der Europäischen Gemeinschaft ein immer gewichtigeres Wort mitzureden haben, beauftragten die Bischöfe die Katholische Sozialakademie, diesen Bereich sorgfältig zu beobachten und nötigenfalls entsprechende Initiativen vorzuschlagen. „Wir müssen uns mehr als bisher darauf einstellen, dass wichtige gesellschaftliche Weichenstellungen nicht in Wien, sondern in Brüssel oder Straßburg fallen“, meinte Kardinal Schönborn und verwies auf den erst jüngst vorläufig abgewehrten Vorstoß zur Lockerung des Lkw-Fahrverbotes am Sonntag.
Das von der Salzburger Dialogversammlung vor einem Jahr vorgeschlagene und vom Ökumenischen Rat der Kirchen unterstützte gemeinsame Sozialwort der Kirchen soll es im Jahr 2001 geben. Dazu wird im nächsten Jahr auch wieder ein öffentlicher Diskussionsprozess über die aktuellen sozialen Fragen stattfinden.