Ausgabe: 1999/47, Bauer, Begegnung, Serie, Gott, Jesus, Jesus Christus
23.11.1999
- Dolores Bauer
Mit dieser ersten Adventausgabe der Kirchenzeitung beginnt eine neue Reihe. Menschen erzählen, was ihnen Christus für ihr Leben bedeutet. Unser Titelbild zeigt „Christus“ aus den Fresken des Stiftes Lambach. Auf Glasscheiben ist dieses Motiv im Behelfsdienst des Pastoralamtes, Kapuzinerstraße 84, 4020 Linz, Tel.0732/7610-3813, erhältlich.
„Tauet Himmel, den Gerechten“ singen wir in diesen Tagen voll Inbrunst. Aber lassen wir den heruntergekommenen Gott wirklich ankommen? Ich weiß nicht, warum die Frage nach dem wichtigsten Bezugspunkt im Leben oft die am schwierigste zu beantworten ist. Ich will es trotzdem versuchen, mich der Frage zu stellen: Wer ist für mich Jesus Christus?
Jesus, der Christus, ist in meinen Augen – nun eher allgemein und von außen gesehen – die wichtigste Person unserer Geschichte, weil er, wie Martin Gutl es einmal formuliert hat, in einem Augenblick der Geschichte gezeigt hat, was ein Mensch sein kann, wie Gott uns Menschen gewollt hat. Wären seine Jüngerinnen und Jünger und deren Nachfolger in seiner Spur geblieben und hätten sie sich nicht in eine europäische Institution hinein verloren, und wäre dieser nicht der Sündenfall mit der Macht passiert, hätte die Welt sich nach seinem (Vor-)Bild entwickeln können und würde heute nicht so ausschauen, wie sie ausschaut.
In die Mitte gerückt
Für mich ganz persönlich ist Jesus im Laufe der Jahre und Erfahrungen immer mehr in die Mitte gerückt und zum inneren Zentrum meines Lebens geworden, ohne das nichts mehr geht. In diesem Sinne ist Jesus natürlich nicht allein das, was wir von ihm wissen oder zu wissen glauben, was er gelebt und gewirkt hat, sondern Gott selbst, der sich in Maria klein gemacht hat und in die Sterblichkeit hineingeboren wurde, um seinen Geschöpfen ganz nahe zu sein, sein Schicksal mit dem ihren zu verschmelzen.
Diesen Gott, der in Jesus zu meinem Mitbruder geworden ist, konnten mir weder meine Familie noch mein Lehrer, weder die Kirche noch meine wunderbaren geistlichen Freunde vermitteln. Dieser „heruntergekommene“ Gott hat sich mir erst in Afrika, in der Begegnung mit den Ärmsten der Armen geschenkt. In langen Nächten mit jungen, sterbenden Frauen, die keine Kraft mehr hatten zu leben und Leben zu schenken, wurde mir klar: aus diesen dunklen Gesichtern des Leids strahlt mir das Antlitz Christi entgegen.
Unendlich viel verändert
In diesen Tagen und Nächten hat sich für mein Leben unendlich viel verändert, vor allem der Blickwinkel. Leben hat für mich nichts mehr mit der europäischen Neutralität und Distanziertheit zu tun. Bei allem, was ich denke und tue, steht zuerst die Frage: Auf welcher Seite stünde Jesus, was würde er tun, was sagen?Und wenn ich dann das zu sagen und zu tun versuche – und wenn es aus dem Blickwinkel der Normalität noch so verrückt scheint –, dann weiß ich ihn mit von der Partie, ganz in der Mitte. Und dann gibt es einfach nichts, was ich nicht anzupacken wagte, und was dann auch gelingt, weil im Vertrauen auf ihn eben alles gelingt, was er durch mich wirken will.
Wenn ich ihn da oder dort einmal zu vermissen glaubte, weiß ich inzwischen längst, dass es nicht an ihm, sondern an mir gelegen ist, daß ich mich gedankenlos habe wegtragen lassen, dass ich meine Antennen schon lange nicht mehr geputzt, in meiner Sensibilität nachgelassen hatte.
„Mit Gott, mit Jesus kann ich alles, alles, alles!“, hörte ich Schwester Emanuelle, die Mutter der Müllmenschen von Kairo, einmal jubeln. Inzwischen weiß ich, wie recht sie hat.
Wer ist für mich Jesus Christus?
Die einen bereiten sich auf den Weltuntergang vor, die anderen auf ein rauschendes Fest: Die Wende zum Jahr 2000 ist für viele ein besonderes Ereignis. Die Kirchenzeitung will zur Jahrtausendwende den eigentlichen Grund des Feierns ins Blickfeld rücken – Jesus Christus. Dass er über all die Jahrhunderte vielen Menschen die Quelle ihres Lebens war, daran soll das uralte Christusbild aus Lambach erinnern. Dass er auch nach 2000 Jahren nicht bloß eine faszinierende historische Gestalt, sondern der lebendige Gott unter uns ist, davon werden in den nächsten Wochen bekannte Persönlichkeiten Zeugnis geben. Wir haben sie gefragt: Wer ist für mich Jesus Christus? Was bedeutet(e) er in meinem Leben? In welchen Situationen meines Lebens habe ich seine Nähe besonders erfahren, besonders vermisst?
BEDENK-TEXT vorgelegt von Dolores Bauer
Wenn der Menschensohn kommt, werden alle Völker zusammengerufen werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken tennt. Dann wird er zu denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz.
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Denn was ihr für eine meiner geringsten Schwestern, für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr an mir getan.