Aus der Soforthilfe nach einer Wirbelsturmkatastrophe ist ein erfolgreiches Programm zur Dorferneuerung geworden, das auch mit Spendengeldern aus Österreich finanziert wird.
„Hat Ihnen ein Wirbelsturm auch schon fünfmal das Haus zerstört?“ Diese Frage eines Opfers der Wirbelsturmkatastrophe im Süden Indiens war für Michael Windey ein persönlicher Taifun. Eigentlich war der Jesuit und Universitätsprofessor 1969 von seinem Orden dazu berufen, als Katastrophenmanager die Hilfsmaßnahmen für Opfer des verheerenden Wirbelsturmes zu leiten. Doch die Frage ging ihm derart unter die Haut, dass er seine Karriere an den Nagel hängte, um Dorfbewohnern zu helfen.Der flämische Ordensmann hatte erkannt, dass Katastrophenhilfe allein nicht genügt. P. Windey blieb bei den Menschen in den elenden Siedlungen, um mit ihnen nach dauerhaften Lösungen zu suchen. 30 Jahre später betreut die von ihm initiierte Dorferneuerungsbewegung (VRO) mit einigen hundert Mitarbeitern von Hyderabad aus 900 Dörfer mit über 600.000 Einwohnern.Das Los der Ärmsten, der Ausgegrenzten, der Habenichtse, den sogenannten Dalits, prägt den 78-Jährigen bis heute. Diese Menschen der untersten Kaste leben in Stroh- oder Lehmhütten, oft als Leibeigene der Großgrundbesitzer. Hier setzt P. Windeys Dorfarbeit an, mit der er die Kastengegensätze überwinden und die Ärmsten aus ihrer Ausgrenzung befreien will.
Neue Dorfkultur
Wohl am verlockendsten ist die Aussicht, in wirbelsturmsicheren Häusern wohnen zu können, gesundes Trinkwasser zu besitzen und nicht mehr hungern zu müssen. Nach einem längeren Entscheidungsweg beschließen die Landbewohner gemeinsam, Mitglieder des neuen Dorfes zu werden. Sobald das Baugebiet festgelegt ist, wird mit der gemeinsamen Arbeit begonnen. Schritt für Schritt nimmt das Projekt seinen Lauf. Das Aufregendste ist das Aufmauern der neuen Häuser unter Anleitung von Fachleuten. Dabei wird genau festgehalten, welche Stundenleistungen die einzelnen Familien erbringen. Denn wer am meisten Arbeitsstunden geleistet hat, darf am Tage des Einzuges als Erster ins neue Dorf. Jedes der festen Häuser hat vier Räume auf einer Grundfläche von 80 Quadratmetern; hinzu kommen weitere 120 als Garten zur Selbstversorgung mit Obst und Gemüse.
In den Dörfern entsteht ein neues Gemeinschaftsbewusstsein und eine Dorfkultur. Nicht nur dass Hindus, Moslems und Christen gemeinsam für den Trinkwasserbrunnen sorgen oder in Werkstätten arbeiten. Sondern im Jahresablauf gibt es immer wieder Feste der verschiedenen Religionen, die miteinader gefeiert werden. In einigen Dörfern kommt es sogar vor, dass sich die Bewohner zum Morgenlob treffen.
Das geistige Profil des neuen Dorfes ist ein gelungenes Zusammenspiel der Ideen Mahatma Gandhis und jener der Christen. „Diese Gemeinschaften schätzen das Dorfleben. Ihre Mitglieder werden nicht durch Landflucht zu menschlichem Strandgut der Großstädte“, meint P. Michael Windey, der den 1948 ermordeten Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung persönlich gekannt hat.