Wer ist für mich Jesus Christus, was bedeutet er mir? Dieser Frage geht Weihbischof Helmut Krätzl entlang der Stationen seines Lebens nach.
Ich wuchs in einer Pfarre der Steyler-Missionare in Wien auf. Die gaben im Missionshaus St. Gabriel damals eine Kinderzeitung unter dem Titel „Jesusknabe“ heraus. Ich las sie leidenschaftlich. Jesus wurde mir so etwas wie ein Freund, ein Kind wohl noch, mit all seiner Liebe „zum Vater“, dem ich mich zugetan fühlte.
Die Eucharistie
Ich war noch nicht fünf Jahre alt, als ich zur „Frühkommunion“ gehen durfte. Es war für mich – das weiß ich heute noch – ein ganz tiefes Erlebnis. In einer sehr kindlichen Frömmigkeit ging ich gerne und häufig – mit meiner Mutter schon vor der Schulzeit fast jeden Tag – zur Messe und zur Kommunion. Die Eucharistie hat später mein ganzes Leben geprägt. Messe und Liturgie faszinierten mich, der Ministrantendienst war mir sehr lieb – zu großen Festen, aber auch oft in der Frühmesse, in einer mitunter eisigkalten Kirche. Später war ich stolz, in einem Schottmessbuch all das zu finden, was der Priester noch in Latein, also in einer fremden Sprache betete. Sehr früh war ich Lektor, Vorsänger sogar. Obwohl ich wie alle damals von der „schweren Verpflichtung“ zur Sonntagsmesse wusste, war mir Messe doch viel mehr. Ich bin gerne gegangen, wohl auch ahnend, dass ich dabei Christus nahesein kann.
Aus dieser eucharistischen Frömmigkeit heraus bin ich eigentlich auch Priester geworden. Schon als Kind habe ich mich „eingeübt“ und zu Hause „Messe gespielt“. Der Gedanke, als Priester „in der Person Christi“ zu handeln – wie man uns das damals sehr deutlich sagte –, hat mich allerdings sehr betroffen gemacht.
Der „gute Hirt“
Wie soll ich das? Und bin ich durch die Priesterweihe etwa mehr, als die vielen guten Gläubigen um mich herum? Das Bild vom guten Hirten hat mir allerdings gezeigt, was ich für andere als Priester sein soll. Einer, der nachgeht, vorausgeht, sammelt, vielleicht auch Krankes heilt. Natürlich habe ich beim Gedanken an diesen „guten Hirten“ oft ein sehr schlechtes Gewissen bekommen. Was sollte ich wirklich noch alles sein, für wen, in welcher Lage?
Der leidende Christus
Relativ spät habe ich die Gerichtsrede bei Matthäus 25 verstanden, in der sich Jesus mit den Allerärmsten, Kranken, Gefangenen und Obdachlosen identifiziert. Christus in solchen zu erkennen, fällt mir schwer. Es ist leichter, auf der Seite des Wundertäters, des erfolgreichen Predigers, des von vielen geliebten Christus zu stehen, als ihn ganz „am Rande“ zu suchen. Bis heute ist mir das kaum gelungen, vielleicht ist deshalb auch meine Predigt darüber – obwohl ich oft davon rede – nicht sehr überzeugend.Näher kam ich dem leidenden Christus in mancher eigener Not. In meiner Wohnung hängt ein schönes Gemälde des Gekreuzigten, der sichtlich in den letzten Zügen voll Vertrauen aufschaut zum Vater. Vor diesem Bild ist mir das Wort der Schrift verständlich geworden: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist – lege ich mein Leben.“ Besonders innig habe ich solches beten gelernt vor einigen schweren Operationen, aber auch in manchen Enttäuschungen des Lebens.
Zu meinen liebsten Bibelstellen über Jesus Christus gehört das Gebet für die Seinen (s. Kasten). Es ist sein Testament für uns, zeigt seine unerschütterliche Liebe, wie ernst er uns nimmt und deshalb erwählt, aber auch, in welcher Art wir mit ihm Frucht bringen sollen im Leben. Jede Jesusbeziehung müßte sich eigentlich daran erweisen.
Bedenk-Text
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben hingibt für seine Freunde.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. Dies trage ich euch auf: Liebt einander. Aus dem Johannesevangelium, 15, 9–17