Ausgabe: 1999/48, Die unaufdringeliche Nähe Gottes (2)
30.11.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Sr. Margret Scheurecker
Viele Jugendliche mögen keinen Schirm, wenn es regnet. Nasse Haare sind ihnen lieber. Ich kann das gut verstehen. Auch ich setze mich gerne dem Wetter aus: dem Regen, dem Wind, dem Schneegestöber. Dieses Spiel mit den Kräften der Natur gönne ich mir in unserer wohlbehüteten, abenteuerlosen Zivilisation.Auch Fernsehschirme mag ich nicht besonders. Sie lassen uns ebenfalls in einer faden Trockenheit sitzen: Der Austausch am Abend, das Spielen mit den Kindern, die Chance Konflikte auszutragen, verdorren. Trotz Farbfernseher liefert der Nachrichtenbildschirm eine Weltsicht in lähmendem Grau. Mir aber sind die ganz persönlichen, bunten Erfahrungen in und mit unserer Welt unersetzlich. Was nützt es, wenn ich gebannt vorm Computerschirm stundenlang im Internet herumsurfe, aber den realen Menschen neben mir nicht mehr wahrnehme? Was hilft es, wenn ich mit der ganzen Welt vernetzt bin, mich aber kaum jemand mehr fragt, ob ich auf ein Bier mitgehen will? Jesus selbst kann uns die Scheu vor der Wirklichkeit nehmen. Er hat sich nicht abgeschirmt vor dem Ansturm der Not. Er hat sich Kritik ausgesetzt. Er hat die ganze Wirklichkeit gesehen: Schönheit und Elend, Freundschaft und Verrat, Sterben und verwandelt werden. Manchmal müssen wir unserem Herzen einen Ruck geben. Nein, erwidere ich am Telefon, diesen Abend verbringe ich immer mit meiner Familie – die Kinder nicken sehr bestimmt. Im Drogeriemarkt sehen mich zwei große Augen an. Haben Sie ein schönes Kind, sage ich zur dunkelhäutigen Mutter – ihr Gesicht strahlt. Nach dem Abendgottesdienst nehme ich einen bärtigen Mann wahr, der im Schatten des Portals steht. Auf seiner Schachtel lese ich: Heute habe ich Geburtstag! Ehrlich, sagen Sie doch ehrlich, haben Sie heute wirklich Geburtstag? Ein Gespräch entwickelt sich, das uns beide froh macht. In die Schachtel wandert ein Beitrag zur Geburtstagsfeier. Wo der Mensch den Aufbruch wagt, ist Gott sehr nahe. Herr, ich weiß, dass ich nur lebe, wenn ich mich von dir rufen und verändern lasse. Lass mich doch heute einen kleinen Schritt der Veränderung wagen, hinaus aus der Abschirmung, hinein ins Ungeschützte und Ungewohnte! Dort auch bist ja du mir nahe, überall und jederzeit . . .