Eltern behinderter Kinder stehen oft vor schwierigen privaten Problemen und übermächtigen behördlichen Hürden. Da ist guter Rat teuer. Nun haben sie zur Selbsthilfe gegriffen.
Vor kurzem ging der erste Ausbildungslehrgang „Eltern beraten Eltern“ zu Ende. Zwei Väter und 18 Mütter von behinderten Kindern haben über zwei Jahre hindurch viel Mühe auf sich genommen, um sich für die Elternberatung, die Vereinsarbeit in Behindertenorganisationen und als Multiplikatoren der Intergrationsidee fit zu machen. Ermöglicht wurde dieses Pilotprojekt vor allem durch die Unterstützung der EU-Kommission, das Sozial- und Familienministerium haben sich nur mit bescheidenen Beiträgen beteiligt.
Aus Betroffenheit
Initiatorin dieses Lehrgangs war Maria Brandl, die selber einen dreizehnjährigen behinderten Buben hat. Als Betroffene und als engagierte Mitarbeiterin von „Integration:Österreich“ wurde sie immer wieder mit den Problemen von Eltern behinderter Kinder konfrontiert. „Viele Familien mit einem behinderten Kind leben gesellschaftlich häufig sehr isoliert. Sie haben oft den Kontakt mit anderen Familien verloren, weil sie merken, wie diese sich zurückziehen, meist aus Unbeholfenheit. Wenn nun diese Eltern Rat brauchen, weil sie persönlich, oft auch aus falschen Schuldgefühlen, mit ihrem Schicksal nicht zurechtkommen, weil das Zusammenleben mit einem behinderten Kind ihre Beziehung überfordert oder weil sie in Rechts- und Behördenfragen nicht mehr weiterwissen, dann wenden sie sich am ehesten an jemanden, der in derselben Situation ist. Da trauen sie sich am ehesten über Schwierigkeiten und Belastungen reden, die für die Welt der Nichtbehinderten oft tabu sind. Da bricht aus ihnen auch ihre Überforderung heraus, dass sie ständig für ein halbwegs normales Leben ihres behinderten Kindes kämpfen müssen, daß sie von den öffentlichen Stellen oft unzureichende Antworten bekommen, dass sie als Bittsteller auftreten müssen, wo sie eigentlich ein Recht hätten. Ich habe Eltern erlebt, die nach jahrelangen Kämpfen einfach nicht mehr können. Und ich kenne genug Eltern, die gar nicht erst begonnen haben, um einen Kindergartenplatz in ihrer Gemeinde oder die Einschulung in der ,normalen‘ Volksschule zu kämpfen. Ich verstehe das auch, denn nur weil jemand ein behindertes Kind hat, muss er/sie ja nicht zum Kämpfer geboren sein, ein überzeugendes Aufreten haben, ein Experte in Schul- und Rechtsfragen sein.“
Ein Netz aufbauen
All diese Erfahrungen stehen hinter dem Projekt „Eltern beraten Eltern“. Ziel des Ausbildungslehrganges war es, Eltern durch das Entdecken der eigenen Stärken und die Vermittlung des entsprechenden Fachwissens dazu zu befähigen, ihre eigenen Probleme selbstbewußt in die Hand zu nehmen. Hilfe zur Selbsthilfe heißt in diesem Fall aber auch, dass die Kursteilnehmer als Elternberater, als Initiatoren oder Mitarbeiter in Selbsthilfegruppen und Behindertenvereinen oder als Motoren für die Integrationsidee in Kindergärten, Schulen und Berufsausbildungsstätten sowie als Förderer von Einrichtungen des selbstbestimmten Lebens Behinderter Hand anlegen. „Dieser Kurs“, so Maria Brandl, „ist für mich ein wichtiger Schritt, damit das Netz von menschlich und fachlich kompetenten Leuten, die sich der Sorgen von Familien mit behinderten Kinder annehmen, die aber auch ihre Freuden mit ihnen teilen können, dichter wird.“ Ob dieses Pilotprojekt weitergeht, steht noch in den Sternen. Es gibt zwar – nur über die Mundpropaganda – an die 40 Interessenten für neue Kurse, aber keine Finanzierungszusagen von Sozial- und Familienministerium, die nun die Kosten übernehmen müssten.