Die Integration beginnt schon in der eigenen Familie
Ausgabe: 1999/49, Kinder, Behinderte, Hofer
07.12.1999
- Hans Baumgartner
Eltern behinderter Kinder erleben es immer wieder, dass sie schlecht beraten werden und zu wenig Unterstützung bekommen. Das war einer der Gründe, warum Gerlinde Hofer den Lehrgang „Eltern beraten Eltern“ gemacht hat.
Damals, vor sieben Jahren, war es für Gerlinde Hofer und ihren Mann Hannes ein Riesenschock, als sie noch im Kreißsaal erfahren haben, dass ihr neugeborenens Kind Bernhard an Down-Syndrom leidet. Heute sagt sie auf die Frage, was sie an diesem Schicksal lebenswert finde, spontan und ehrlich: „Fast alles: Die Unbeschwertheit, mit der Bernhard mit Menschen und Ereignissen umgeht; die Ungezwungenheit, mit der die Kinder Bernhard als einen von ihnen annehmen, sich mit ihm freuen, wenn etwas gelingt, und ihn auch in die Schranken weisen; die Menschen, die wir durch Bernhard kennen gelernt, und die Freunde, die wir gewonnen haben. Schön ist es auch, zu sehen, wie sich Menschen durch die Begegnung mit Bernhard verändern. So etwa hatte die Kindergärtnerin vorher nie mit Behinderten zu tun. Durch unseren Buben wurde sie damit konfrontiert und ist daran gewachsen.“ Aus ihrer Arbeit im Verein „Leben mit Down-Syndrom“ weiß Gerlinde Hofer aber auch, dass viele Eltern eine andere Bilanz ziehen würden. Sie haben das Gefühl, als Außenseiter angesehen zu werden, sie ziehen sich zurück, getrauen sich lange nicht, ihre Kinder mitzunehmen, haben Angst vor den Blicken. Viele bekommen auch Beziehungsprobleme, weil die Mütter in dieser Isolation alle Aufmerksamkeit auf ihr behindertes Kind konzenterieren. Integration, so ist Gerlinde Hofer überzeugt, beginnt nicht erst im Kindergarten oder in der Schule, sie muss in der eigenen Familie anfangen, in der Verwandtschaft, im Freundeskreis. „Wir haben das Glück gehabt, dass wir in userer Umgebung sehr viel Aufgeschlossenheit und Unterstützung gefunden haben.“ Gerlinde Hofer weiß aber auch um die schwierigen Seiten des Lebens mit einem behinderten Kind. „Immer wieder, wenn es zu Umstellungen kommt, etwa der Eintritt in den Kindergarten oder die Schule, dann kommen Ängste hoch: Wird das auch klappen, so wie wir uns das wünschen? Oder die Sorge um die Zukunft: Wird es auch in der Hauptschule möglich sein, dass Bernhard in eine integrierte Klasse geht, wo man sich dort mit dieser Frage noch überhaupt nicht befasst hat?“ Und sie weiß, daß die Initiative immer wieder von ihnen, den Betroffenen, kommen muss. „Du musst selber laufen, selber kämpfen, selber überzeugen, wenn du willst, dass dein Kind in eine Integrationsgruppe im Kindergarten kommt, in eine Integrationsklasse in der Schule.“ Und dabei würden Eltern von den zuständigen Behörden oft sehr unzureichend beraten. Das war mit ein Grund, warum sie die Ausbildung „Eltern beraten Eltern“ gemacht habe.
Sicherheit und Kompetenz
Durch ihre Arbeit im Vorstand des Vereins „Leben mit Down-Syndrom“ hat Gerlinde Hofer aus St. Florian davon erfahren, dass „Integration: Österreich“ einen Lehrgang „Eltern beraten Eltern“ anbietet. „Mich hat das Programm persönlich und für meine Arbeit im Verein sehr interessiert. Obwohl wir wussten, dass es nicht einfach sein wird, die vielen Kurse familiär zu organisieren, hat mich mein Mann sehr unterstützt.“
Der Kurs, so Gerlinde Hofer, habe ihr viel gebracht. Persönlich war es eine wichtige Erfahrung, von der eigenen Betroffenheit wieder etwas wegzukommen, indem man sieht, wie es Eltern geht, die Kinder mit anderen Behinderungen haben.
Ganz wichtig war für sie auch die gaballte Ladung an Rechtsinformationen, weil Eltern behinderter Kinder immer noch auf die Suche gehen müssen, wenn sie brauchbare Informationen über die Rechte, die ihnen und ihren Kindern zustehen, wollen. „Dabei wurde uns sehr klar: wir sind keine Bittsteller, wir haben ein Recht, dass man unsere Kinder nicht diskrimiert.“
Gewonnen habe sie auch an Sicherheit und Vertrauen, wenn es darum geht, den eigenen Standpunkt nach außen hin zu vertreten. „Wir Eltern haben einfach gemerkt, dass wir in Behindertfragen so etwas wie Experten sind.“ Zu den Pluspunkten zählt sie auch die Erfahrung, „mit ,Integration: Österreich‘ im Rücken bin ich stärker. Ich kenne nun auch die Leute, an die ich mich wenden kann, wenn ich für mich oder meine Vereinsarbeit Hilfe brauche.“ Tief beeindruck haben sie die Referenten, die selbst behindert sind. „Da sagen Betroffene selber, was sie wollen und öffnen Perspektiven, wie es sein könnte, wenn mein Kind erwachsen wird.“