Ausgabe: 1999/49, Serie: Der unaufdringliche Gott (3)
07.12.1999
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Sr. Margret Scheurecker
Mein Frühstücksgeschirr ist sonnengelb. Wenn ich von der Kaffeetasse aufblicke, sehe ich an der Wand die Bilder, die ich sehr bewusst ausgewählt habe: David, der Bub aus dem Kinderdorf, mit seinem kleinen Hasen, die aufgehende Sonne über dem nebelverhangenen Gebirgstal, regenbogenfarbene Fahnen, eine tanzende Frau . . . und neben der Marillenmarmelade leuchtet auf dem Tisch eine Kerzenflamme in ihrem warmen Gelborange.
Der Morgen war für mich nie die beste Zeit. Ich tat mich schwer mit dem Übergang vom Schlafen zum Wachsein. Entsprechend war das Weltbild: misstrauisch-düster, ärgerlich-verstimmt. Aber irgendwann ist mir klar geworden: Mensch, du gibst der Welt überhaupt keine Chance! Dein düsterer Blick bringt jeden Glanz zum Erlöschen! Nimm doch einmal an, daß auf allem ein freundlicher Blick liegt – auch auf dir! Und nimm dich so wahr. Und gehe so mit den Dingen um. Und gehe so in den Tag hinein. Nimm dir diese Freiheit! Wage dieses Experiment!
So fiel die Entscheidung: Ich will den Kaffee nicht mehr im Stehen hinuntergießen. Ich decke den Tisch. Ich gebe die angeschlagene Tasse weg. Ich mache mich schön. Ich zünde ein Licht an. Ich glaube. Ich vertraue.
Wir können im Dunkeln nicht leben. Mitten in der Nacht kommt die Liebe im bezaubernden Blick eines Kindes zur Welt. Lebensrettende Wärme – jetzt und immer. Mitten in der Nacht fällt der Blick Jesu auf seinen Freund, er geht hinaus und weint bitterlich. Lebensrettende Wende – heute und immer. Mitten in der Menschenmenge des Supermarktes blicken mich zwei freundliche Augen an . . . Mitten in der Prüfungsvorbereitung trifft mich der aufmunternde Blick des Lehrers . . . Mitten in der Fremdheit der Krankenabteilung hebe ich den Kopf: ein freundlicher Blick ruht auf mir, ein Lächeln. Wie gut . . . Angestrahlt vom Sonnengelb meines Frühstückstisches bete ich: „Immerfort empfange ich mich aus Deiner Hand. Das ist meine Wahrheit und meine Freude. Immerfort blickt mich Dein Auge an, und ich lebe aus Deinem Blick.
Du, mein Schöpfer und Heil. Lehre mich in der Stille Deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, das ich bin. Und dass ich bin durch Dich und vor Dir und für Dich.“