Im Jubeljahr 2000 stehen die Tore Roms offen für Pilger aus aller Welt
Ausgabe: 2000/04, Rom, Pilger, Jubeljahr, Kasper, Martin
25.01.2000
- Matthäus Fellinger
Mit der Eröffnung der Heiligen Pforte von St. Paul vor den Mauern am 18. Jänner brachte das „Jubeljahr 2000“ einen ökumenischen Höhepunkt. Eine Kirchenzeitungsdelegation aus Österreich war dabei.
Es herrschte strahlender Sonnenschein am Petersplatz, während nördlich der Alpen letzte Woche Stürme tobten. So unterschiedlich das Wetter, so unterschiedlich kann auch das Kirchengeschehen wahr genommen werden. Nach dem ersten Ansturm von Pilgern/innen aus aller Welt – drei Millionen Menschen waren in den ersten beiden Wochen nach der Eröffnung der Heiligen Pforte im Petersdom nach Rom gepilgert – erholt sich die Stadt in der zweiten Jännerhälfte. Ein ökumenisches Großereignis zieht dennoch tausende Gläubige hinaus nach St. Paul vor den Mauern, zu einer der Hauptkirchen Roms. Seit dem Konzil waren nicht mehr so viele Repräsentanten der christlichen Kirchen bei einem offiziellen Akt versammelt wie an diesem 18. Jänner. Der aus Deutschland stammende Kurienbischof im ökumenischen Rat, Walter Kasper, ist stolz auf die Liste der vertretenen Konfessionen. Dass der Papst zusammen mit dem höchsten Vertreter der anglikanischen Kirche sowie einem orthodoxen Patriarchen die Heilige Pforte von St. Paul geöffnet hat, weise auf ein neues Verständnis des Primats des Papstes hin, meint Kasper im Gespräch mit den österreichischen Kirchenzeitungen. Im feierlichen Wortgottesdienst wurde auch ein Text des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer gelesen. „Wir sind bereit, mit jedem zu reden, der bereit ist, mit uns zu reden“, deutet Kasper eine Öffnung der katholischen Kirche auf die anderen Kirchen hin an. Ausdrücklich meint er damit auch die in anderen Erdteilen stark wachsenden Freikirchen und evangelikalen Bewegungen. Allerdings – Ökumene braucht Geduld, betont Bischof Kasper.
Die Kirche der Armen
Der Stadtteil Trastevere, es ist 20.30 Uhr in Rom. Wie jeden Abend kommen aus den engen umliegenden Gassen Menschen in die Kirche St. Maria, um hier zu beten. Seit über 30 Jahren ist es so. Die Melodien der Gesänge erinnern an die Feiern der Ostkirchen, auch die Ikonen, die in der Hauskirche aufgestellt sind. Die Gemeinde von Sant’Egidio mit heute weltweit 30.000 Mitgliedern hat hier ihren Ausgang genommen. Das tägliche Abendgebet ist Kern des beachtlichen sozialen Wirkens dieser Christen/innen. Vor allem der Armen Roms und vieler anderer Städte auf der Welt nehmen sie sich an. Zu Weihnachten ist es wieder besonders deutlich geworden. Da feierte die Gemeinschaft von Sant’Egidio mit den Obdachlosen der Stadt das Geburtsfest Christi. Und nach dem Gottesdienst wird die Kirche in einen riesigen Festsaal umgestaltet. Gemeindemitglieder bewirten jene, die sonst niemanden haben, der mit ihnen feiert. In 14 Kirchen Roms wurde heuer dieses Festmahl gefeiert. Es ist später Abend. Neben einer der Tiberbrücken haben sich Obdachlose der Stadt zum Schlafen niedergelegt, auf ausgebreiteten Pappkartons, notdürftig zugedeckt. Ein Auto hält an. Ein Schlafsack wird einem der Obdachlosen gereicht. Ein zweiter Mann hätte auch gerne einen, doch es ist keiner mehr da. Sieben Obdachlose sind heuer schon erfroren, erzählt der irländische Bischof Diarmuid Martin, Sekretär im Päpstlichen Rat Justitia et Pax. Die „Verbreitung der Soziallehre der Kirche“ nennt er als eine der Hautaufgaben dieses Rates. Die Beachtung der Menschenrechte ist ein zweiter Schwerpunkt.
Gegen Unrecht und Waffenhandel
Im Heiligen Jahr 2000 hat Justitia et Pax vor allem die Thematik der Entschuldung der Dritten Welt weltweit in die Diskussion gebracht. Noch viel stärker will Martin den internationalen Waffenhandel mit seinen schlimmen Auswirkungen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bringen. Während nach dem Zweiten Weltkrieg noch kein Mensch mit einer Atomwaffe getötet wurde, sind Millionen durch Waffen umgekommen, die unkontrolliert weltweit gehandelt werden. Höchstens vier Prozent der Weltbevölkerung verstehen Deutsch, als Muttersprache reden überhaupt nur zwei Prozent Deutsch, während der spanisch-/portugiesischsprachige Anteil der Weltbevölkerung bei fast 50 Prozent liegt. Das muss man verstehen, wenn die Vorstellungen der deutschsprachigen Kirchen in Rom nicht immer jene Beachtung finden, die man sich nördlich der Alpen wünscht, macht Benedikt Steinschulte vom Päpstlichen Medienrat aufmerksam. Das „Sprachverhältnis“ spiegelt sich wider bei der Generalaudienz. Zisterzienserinnen aus Vorarlberg und Kirchenzeiunngsjournalisten/innen aus Österreich sind dabei, die Gruppen aus slawischen und spanisch- und portugiesischsprachigen Ländern sind auffallend groß und begeistert. Diese Woche geht es dem Papst gut. Zu Fuß legt er Wege zurück. Besonders die ökumenische Feier in St.Paul war ihm ein großes Anliegen, heißt es im Vatikan. „Wir Deutsche preschen gerne vor“, so sieht es Rektor Richard Mathes, aber Rom könne nur so schnell wie die Langsamsten voranschreiten. Diese Spannung wäre in Rom deutlich zu spüren. Mathes leitet das Priesterseminar Anima. Theologen, die ein fortführendes Studium absolvieren, studieren hier, darunter der oberösterreichische Priester Christoph Gorski. Er studiert hier Kirchenrecht. Das Haus untersteht der österreichischen Bischofskonferenz. Im Germanicum, dem römischen Priesterseminar für deutschsprachige und ungarische Seminaristen, ist der Oberösterreicher Willi Bangerl einer von 105 Theologen. Im Herbst wird er zum Priester geweiht (siehe Seite 32). Jesuitenpater Erwin Komma leitet das Haus und begleitet so die Seminaristen durch diese „Zeit des Umbruchs“. Dass junge Menschen mit der nötigen Kreativität und Offenheit sich in die Kirche einbinden lassen und die Veränderung der Kirche selbst mitzutragen bereit sind, ist sein Ziel.