- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Raimund Schreier
Wenn es dir schlecht geht, sind oft auch die Freunde weg, sagt eine Lebenserfahrung. Gott ist ganz anders, er schaut in Treue auf uns.
Wer ist für mich Jesus Christus? Auf die Frage in wenigen Zeilen zu antworten, ist gar nicht so leicht. Ich möchte eine möglichst einfache Antwort geben an Hand von zwei Bildern, die Christus darstellen, wie ich ihn erfahre.
Der treue Freund
Heute werden Verträge unter Menschen oft gebrochen, weil die Partner nicht gewillt oder in der Lage sind, die Vereinbarungen einzuhalten. Sehr häufig werden Übereinkünfte aufgehoben, weil Bindung, Verbindung die Freiheit beeinträchtigen könnte. Gott hat keinen Vertrag mit uns abgeschlossen, sondern einen Bund. Er hat von seiner Seite diesen Bund nie gebrochen. Er ist uns Menschen immer treu geblieben. „Wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu“ (2 Tim 2, 13). Die „Liebesgeschichte“ Gottes mit den Menschen zieht sich durch die ganze Heilige Schrift, vor allem in Bildern von der Ehe, der Freundschaft, der Gemeinschaft. Diese Treue ist ganz sichtbar und greifbar geworden in der Herabkunft seines Sohnes Jesus Christus. Er, Christus, ist vom Himmel „herabgestiegen“, im wahrsten Sinne „heruntergekommen“, um diesen Freundschaftsbund am Kreuz zu besiegeln, indem er bis in das Leid und den Tod hinein das Schicksal eines Menschen auf sich genommen hat. Diese Treue und diesen Freundschaftsbund möchte ich erwidern, indem auch ich versuche, ihm treu zu bleiben: im täglichen Gebet, auch wenn ich dazu nicht immer in emotionaler Hochform bin, in der heiligen Eucharistie (= Danksagung), und indem ich sein Wort, seine gute Botschaft in die Tat umsetze, soweit mir das als Mensch gelingt.
Der auf mich schaut
Auch das Wort „schauen“ bzw. „sehen“ kommt in der Bibel häufig vor: Gott schaut auf uns Menschen, er sieht uns, er kümmert sich um uns. Im Buch Exodus sagt Gott: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen“ (Ex 3, 7). Und der Autor des ersten Samuelbuches beschreibt die Sichtweise Gottes so: „Der Herr aber sieht das Herz“ (1 Sam 16, 7). Maria singt im Magnificat: „denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“ (Lk 1, 48).Neben diesen biblischen Aussagen über das Schauen und Sehen Gottes begleitet mich immer wieder das Bild des Priesters und Malers Sieger Köder. Er hat es für einen Familienvater gemalt, der bewusst und gläubig seinem Tod entgegengegangen ist. Jesus geht als Kreuztragender voran; und der leidende, krebskranke Vater trägt den hinteren Teil des Längsbalkens. Die beiden können nicht mehr gehen, nur mehr kriechen. Da wendet sich Jesus um und schaut seinen Freund an: Du bist doch gar nicht verlassen, ich bin bei dir. Das Kreuz, das wir tragen, ist zweifellos ein Kreuz, unser Kreuz. Wir tragen es gemeinsam. Ich trage es mit. Ich trage dich mit. Dieses Bild hilft mir in dunklen Stunden, in Situationen, in denen ich resigniere, nicht mehr weiter weiß. Christus trägt mit mir mein Kreuz. Er schaut auf mich. Er sieht vor: die „Vor-Sehung“ Gottes ist in meinem Leben ein ständiger Begleiter seiner Liebe, seiner Nähe und Treue. Diese Vor-Sehung erlebe ich und spüre ich fast täglich. Immer wieder entdecke ich, dass vieles nicht nach meinen Plänen und nach meinem Willen geschieht. Aber diese „Zufälle“ und menschlich nicht vorhergesehenen Ereignisse, die mir zu-fallen, erweisen sich im Nachhinein als Fügung Gottes. In einem Psalmenwort möchte ich zusammenfassen, wer Christus für mich ist, was er mir bedeutet und wie ich ihn im täglichen Leben erfahre: „Du bist mein Herr, mein ganzes Glück bist du allein“ (Ps 16, 2)
Bedenk-Text
Ein Mann sah im Traum, wie er am Strand entlang spazierte. Er blieb stehen und schaute zurück – den Weg seines Lebens. Er sah zwei Paar Fußabdrücke im Sand, eines gehörte ihm, das andere dem Herrn.
Dann aber bemerkte er plötzlich, dass oft auf dem Weg nur ein Paar Fußabdrücke im Sand zu sehen war, und dies gerade während der Zeiten, die für ihn die schwersten waren.
Das wunderte ihn und er fragte: „Herr, du hast mir gesagt, du würdest jeden Weg mit mir gehen. Aber während der schwersten Zeiten meines Lebens ist nur ein Paar Fußabdrücke zu sehen. Wenn ich dich am meisten brauchte, hast du mich allein gelassen.“
Der Herr antwortete: „Ich habe dich niemals verlassen. Während der Zeiten, wo du auf die Probe gestellt wurdest – dort, wo du nur ein paar Fußabdrücke siehst –, da habe ich dich getragen.“
Nimm meine Hand, Herr,und führe mich Schritt für Schrittdurch den neuen Tag.Und lass mich überzeugt sein:Wenn ich nicht weiß,wohin den nächsten Schritt setzen – da bist du mir besonders nah.