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In ihm zu leben macht Menschwerdung möglich

Serie: Wer ist für mich Jesus Christus?
Ausgabe: 2000/07, Menschwerdung
15.02.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Ermelinde Kräutler
Vom eher lästigen „Freund im Winkel“ bis zu dem, der mich leben lässt: Jesus Christus im Leben einer Seelsorgerin.

Wer ist für mich Jesus Christus? Nach schrittweisem Zugang ist er aus heutiger Sicht für mich einer, der zu meinem Leben gehört wie der Atem. Diese Grundwirklichkeit begleitet mich schon seit Jahren, wie Paulus sagt: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ Wenn mir dies auch nicht ständig im Bewusstsein ist, so gehört diese Erkenntnis zum tragenden Grund meines Lebens. Ich könnte mir ein Leben ohne Christus, ohne dieses persönliche DU nicht vorstellen.

Jesus in meinem Leben

Ich bin 1940, also während der Kriegszeit geboren. Meine erste Erinnerung, die ich habe, hat mein Leben geprägt. Es war der Abschied von meinem Vater. Er musste in den Krieg. Mit dem Kreuzzeichen auf die Stirne verließ er unsere Mutter, meinen Bruder und mich. Das Kreuzzeichen steht so über meinem Leben. Ich habe den Glauben an Christus gleichsam von Kindheit an in meiner Familie eingeatmet. Ich entwickelte schon in meiner Kinderzeit eine Beziehung zu Christus, vor allem dem Gekreuzigten. So hat es mir im Kindergarten eine tiefe Wunde geschlagen, als das Kreuz dem Bild des Führers weichen musste. Ich empfand zutiefst, dass dieser Platz nur Christus gehört und das Heil nur von Ihm kommt, obwohl wir Kinder mit „Heil Hitler“ grüßen mussten.In meiner Kinder- und Schulzeit teilte ich meine Erfahrungen oft mit meinem älteren Bruder (heute Bischof am Xingu). Ich entwickelte damals schon eine persönliche Beziehung zu Christus, mit dem ich reden konnte. In meiner Jugendzeit bekam diese Beziehung ein anderes Gesicht. Er kam zwar vor in meinem Leben, doch stellte ich ihn sozusagen in einen Winkel. Ich überspielte diese Beziehung mit dem Konsum so manch lockender Angebote und empfand dabei diesen „Freund im Winkel“ eher als lästig.

Schatten und Sternstunden

Große Bedeutung bekam Christus dann in meiner Berufungsgeschichte, die mich in eine religiöse Gemeinschaft führte. Der Ruf, der an einem Karfreitag, nachmittags um 15 Uhr an mich erging, war eindeutig und erschreckend zugleich. Diese Botschaft von ihm hieß: Ich will nicht irgendetwas von dir, ich will dich. Ich bin diesen Weg mit ihm durch viele Auf und Ab gegangen, es waren oft harte Auseinandersetzungen mit ihm, jedoch habe ich mich immer wieder neu für ihn entschieden. Heute kann ich sagen, dass mir vor allem schmerzliche Stunden zu Sternstunden wurden. Eine tiefschürfende Erfahrung war meine Herzoperation 1972. Kein anderes Erlebnis gab mir so viel Erkenntnis, was Leben bedeutet. Damals hat sich mir das Wort des Paulus sehr tief eingeprägt: „Was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein.“ (Phil 3, 7–9)
Heute als Pastoralassistentin kann ich nicht anders als meine Berufung zum Beruf machen. In meinem Dienst habe ich durch die Verkündigung, durch Bibelarbeit und Gottesdienstgestaltung, durch meinen Begräbnisdienst und die Begleitung von Menschen – auch in ihrer Trauer und ihrem Leid – viele Möglichkeiten, den zu vermitteln, der für mich Leben, Sinn und Ziel ist. Ich sehe darin meinen „priesterlichen“ Dienst, den ich auch als Pionierarbeit in die Zukunft erlebe.
So versuche ich, mit ihm und in ihm und durch ihn zu leben. Das bewirkt in mir, dass mir seine Sache wichtig ist. So ist Christus für mich heute derjenige, der ganz Mensch geworden ist, damit wir Menschen werden. So steht in der Mitte meiner Seelsorge der Mensch: Menschwerdung!


Bedenk-Text

Mein Lieblingstext aus der Bibel, den ich zu meinem Gebet für die Kirche gemacht habe, stammt aus dem Epheserbrief des Apostels Paulus.
Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater, nach dessen Namen jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden benannt wird, und bitte, er möge euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass ihr in eurem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen. In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen (Gläubigen) dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt.Er aber, der durch die Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder uns ausdenken können, er werde verherrlicht durch die Kirche und durch Christus Jesus in allen Generationen, für ewige Zeiten. (Eph 3, 14–21)
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