Venezuela: Steile Hänge boten oft einzigen Wohnraum für die Armen
Ausgabe: 2000/07, Venezuela
15.02.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Monika Hoegen/Adveniat
„Ein Monster kam auf uns zu“, sagt eine Frau aus Macuto. „Es war wie das Jüngste Gericht“, meint ein Mann in La Guaira. Vielen anderen fehlen dagegen die Worte beim Gedanken an die vorweihnachtliche Schreckensnacht, in der ganze Landstriche Venezuelas von sintflutartigen Erdrutschen und tonnenschweren Schlamm- und Gerölllawinen verwüstet wurden.
War zunächst nur von ein paar hundert Toten die Rede, so liegen heute die Schätzungen bei 30.000 bis 50.000; US-amerikanische Experten gehen sogar von 100.000 Toten aus. Von den rund 200.000 Obdachlosen konnten mit kirchlicher Hilfe bisher 40.000 Menschen untergebracht werden. Dazu kommt, dass weitere 200.000 Arbeitsplätze vernichtet wurden. Der (Wieder-) Aufbau, so die erschreckende Prognose, soll zehn Jahre und länger dauern.
Listenweise Verschwundene
Ein Küstenstreifen von 60 Kilometern Länge, ein ehemals florierendes Touristengebiet, ist nahezu ausgelöscht. Hotels und Hochhäuser wurden einfach umgeknickt, Frachtcontainer im Hafen von La Guaira wie Spielzeug durcheinander gewirbelt. In Carmen da Uria verschwand die Kirche mitsamt ihrem Turm unter den Geröllmassen. Die Küstenstraße existiert nicht mehr, und Orte die zuvor keinen Strand hatten, sind jetzt durch die Erdmassen mehrere hundert Meter vom Meer getrennt. Das Straßenniveau liegt bis zu fünf Metern über dem ursprünglichen Boden. Und jeder, der versucht, hier irgendwie durchzukommen, muss sich bewusst sein, dass unter seinen Füßen noch unzählige Leichen begraben liegen.Doch mit den Schreckenszahlen ist das Leid einzelner Familien noch weniger zu vermitteln: José Esteban Rivera, der Frau und Sohn verlor oder die 13-jährige Mildre, deren Mutter in den Wassermassen ertrunken ist. Ihr Schicksal geht unter in der Not Zigtausender. Überall hängen an öffentlichen Gebäuden, Schulen und Kirchentüren lange Listen von Verschwundenen aus – Menschen, die vielleicht niemals in den Schlamm und Geröllmassen wieder gefunden werden.Die Natur als ein Monster? Der Bischof der Hafenstadt La Guaira, Francisco de Guruceaga Hurriza, sieht vielmehr in der ungebremsten Besiedlung der steilen Hänge rund um die Hafenstadt sowie entlang der Atlantikküste einen Hauptgrund für die Tragödie. Und weiterhin leben Millionen von Menschen auf völlig unsicherem Grund – und in der Gefahr, Opfer einer neuerlichen Katastrophe zu werden.
Die Überlebenden des 15. Dezembers hoffen unterdessen darauf, dass die Regierung ihnen neue Häuser bereitstellt. Umsiedlungen in weniger gefährdete Regionen sind geplant. Doch das wird nicht einfach sein. Viele der Betroffenen wollen dort bleiben, wo sie Arbeit und eine halbwegs intakte Infrastruktur vorfinden: in der Nähe der Hauptstadt Caracas. Doch die Probleme werden noch größer werden, sobald die Regenzeit wieder einsetzt, und die Menschen ob ihrer ungewissen Zukunft unruhig werden.
Wiederaufbau fraglich
Experten sprechen inzwischen von der größten Naturkatastrophe dieses Jahrhunderts in Lateinamerika, verheerender als der Hurrikan Mitch im November 1998. Da sind die rund 500 Millionen Schilling nicht viel, die an internationaler Hilfe bisher bereit gestellt wurden. Bischof Francisco de Guruceaga Hurriza schätzt, dass in La Guaira in den nächsten zehn bis 15 Jahren keine Normalität einkehren wird. Denn noch sei völlig unklar, so der Bischof, welche Orte an der Küste überhaupt wieder aufgebaut werden. „Nur durch Solidarität und im Glauben an Gott können die Venezolaner die schwerste Krise in der Geschichte des Landes überwinden“, meint der Bischof, der selbst obdachlos geworden ist.