Oberösterreicher berichtet aus den Flüchtlingslagern in Inguschetien
Ausgabe: 2000/07, Inguschetien
15.02.2000
- Walter Achleitner
Otto Hirsch begleitete einen polnischen Hilfstransport für tschetschenische Flüchtlinge: „Es ist eine menschliche Katastrophe, die von der Welt kaum wahrgenommen wird.“
„Die Flüchtlinge leben zum Großteil unter extremsten und auch hygienisch gefährlichsten Bedingungen“, meint Otto Hirsch zur Situation der rund 200.000 Flüchtlinge, die derzeit in Inguschetien leben. Erst vor wenigen Tagen ist der Linzer aus Nasran zurückgekehrt. Er begleitete einen zum Teil auch von österreichischen Spenden finanzierten Transport der polnischen Hilfsorganisation „Polska Akcja Humanitarna“ in die Hauptstadt der russischen Teilrepublik. Ebenfalls in der vergangenen Woche wurde der Caritas Österreich von Seiten Russlands der baldige Einsatz vor Ort in Aussicht gestellt.
„Besonders schlimm ist die Lage in den spontan errichteten Flüchtlingslagern“, berichtet Hirsch gegenüber der Kirchenzeitung. „Bei eisigen Temperaturen leben oft Hunderte Menschen in Schweine- oder Hühnerställen, ohne Wasser und Strom. Ja, oft haben sie nicht einmal Matratzen. Noch dürftiger als in den drei größten Zeltlagern ist die Versorgung mit Lebensmitteln in den spontanen Camps, deren Zahl auf bis zu 200 geschätzt wird. Diese Flüchtlinge fühlen sich völlig abgeschnitten und vergessen.“
Zwar gäbe es keinen Maßstab für derartige Katastrophen, meint der Linzer Unternehmer, der seit Jahren Hilfsprojekte in Bosnien und zuletzt für Kosovo-Flüchtlinge in Albanien organisiert hat. „Aber was sich gegenwärtig im Nordkaukasus ereignet, ist um vieles schlimmer als das, was ich in Albanien gesehen habe. Es fehlt die grundlegende Versorgung, weil es kaum Hilfsorganisationen vor Ort gibt.“
Neue Allianzen notwendig
Die Hilfsorganisationen, die in Inguschetien derzeit arbeiten, lassen sich an einer Hand abzählen. Auffallend ist, so Hirsch, dass die Hilfe aus Polen, vor allem aber aus Tschechien, kommt. Die in Prag beheimatete und vom tschechischen Fernsehen unterstützte Stiftung „Mensch in Not“ leiste seit Monaten hervorragende Arbeit. „Als erste internationale Organisation ist es ihr gelungen, seit Mitte Jänner drei Lebensmitteltransporte sogar nach Tschetschenien durchzuführen. Schätzungen zufolge gibt es mindestens 60.000 Vertriebene, die seit Wochen keine Nahrungsmittel erhalten haben.“
Doch die tschechischen Helfer haben mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen. Für die Versorgung spontaner Camps mit Lebensmitteln, die Anstellung russischer Ärzte zur medizinischen Versorgung, den Aufbau von Flüchtlingsschulen und die spezielle Betreuung von mehr als 2000 Kindern stehen ihnen monatlich rund 350.000 Schilling zur Verfügung; so viel, wie ein einziger Tag im Österreich-Camp in Albanien gekostet hat.
„Mensch in Not“ beweist, dass internationale Helfer in Inguschetien viel erreichen können, auch wenn jene aus dem Westen bisher kaum aktiv werden durften. Darum spricht sich Otto Hirsch für neue Allianzen aus: „Osteuropäer haben die Verbindungen, um dort arbeiten zu können. Doch ihnen fehlt das Geld, das im Westen vorhanden wäre. Wir müssen lernen, dass nicht auf jedem Lkw unsere Fahne drauf ist, in dem Hilfsmittel mit unseren Geldern drinnen sind.“
Hintergrund
Schlüsselrolle Den einen gilt sie als subversives Element, den anderen dient sie als Vehikel auf dem Weg nationaler Autonomie: Religion spielt eine Schlüsselrolle im Krieg in Tschetschenien, der mittlerweile Tausenden das Leben gekostet und zur Vertreibung hunderttausender Menschen in Osteuropa geführt hat. Im Machtkampf um den Kreml und dem blutigen Streben, das Riesenland im Südwesten nicht auseinander brechen zu lassen, verteufelt Russland tschetschenische Separatisten als Agitation moslemischer Religionsfanatiker. Im Gegenzug schreiben sich die tschetschenischen Freiheitskämpfer den islamischen Gottesstaat als Ausdruck nationaler Identität auf die Fahnen. Die Tragik liegt darin, dass die Bevölkerung den Krieg nicht will. Und viele, die schon jahrelang auf der Flucht sind, alles gar nicht verstehen. Denn zuvor hatten sie Jahrhunderte friedlich zusammengelebt.Allein Fanatiker auf beiden Seiten reden ihnen nun ein, fortan nicht mehr miteinander auskommen zu können. Und: Kleine religiöse Minderheiten sitzen zwischen den Stühlen. Umgeben vom Hass der Extremisten werden sie von der Gewalt aufgerieben. Davon betroffen ist auch die kleine Gruppe der Katholiken im Nordkaukasus.