Segundo Tejado: Vergesst nicht Albanien, das ärmste Land Europas
Ausgabe: 2000/21, Albanien, Tejado
23.05.2000
- Walter Achleitner
Die humanitäre Katastrophe der Kosovo-Flüchtlinge beherrschte vor einem Jahr die Medien. „Doch heute ist das Interesse für unser Land gleich Null“, meint der Caritas-Direktor von Albanien im Gespräch mit der Kirchenzeitung.
Im Rückblick auf die vergangenen Monate, wie beurteilen Sie die Lage in Albanien? Tejado: 1999 war der Höhepunkt der Krise: sozusagen die Explosion. Doch es war nicht unser erster „Notfall“. Der war 1997, als über Nacht die Pyramidenspiele zusammengebrochen sind und eine Welle blutiger Gewalt über das Land hereinbrach. Schon ab Jänner 1998 kamen die ersten Flüchtlinge aus dem Kosovo, und das erste Zentrum für Flüchtlingsarbeit in Shkodra wurde eingerichtet. Wie gesagt, dann kam es zur Explosion, und alle öffneten ihre Häuser – sonst nichts! Von der Caritas schickten wir Geld in den Norden für Lebensmittel. Als dann die roten Traktoren kamen, mehr als 800 Fahrzeuge, hieß es das Beste zu tun, was wir nur geben könnten. Als der Krieg zu Ende war, dauerte es zehn, höchstens 14 Tage bis alle zurückgekehrt waren. Die Probleme begannen von neuem, und wir blieben mit den hastig aufgebauten Strukturen zurück.
Wie war es für die Caritas, von Tirana aus die internationale Hilfe zu organisieren? Tejado: Am Anfang war es ein Chaos. In unserem Büro hatten wir eine einzige Telefonleitung. Sie können sich vorstellen: Zig verschiedene Caritas-Organisationen wollten informiert werden oder Unterlagen per Fax erhalten. Es war wahnsinnig! Wir hingen zum Teil 24 Stunden am Telefon. Die einen wollten wissen, wie sie uns per Flugzeug Hilfsgüter senden könnten, die anderen wollten per Lkw etwas ins Land schaffen. Können Sie sich das Chaos in dieser Situation vorstellen? Aber Schritt für Schritt organisierten wir Hilfe. Und wir erhielten zusätzliche Telefonanschlüsse. Auf eine derartige Krise konnte sich niemand vorbereiten. Vielleicht auch, weil niemand mit diesem Szenario gerechnet hat. Das ist eine Strategie der Serben, eine humanitäre Krise, ein Chaos, in der Region zu erzeugen. Für unsere Kategorien von „strategischem Denken“ war das unvorstellbar.
Alle Hilfe für den Kosovo
Vor einem Jahr hieß es, sowohl Flüchtlingen als auch Albanern müsse geholfen werden. Wie steht es heute um die Hilfe? Tejado: Es ist klar: Das Interesse kommt mit den Medien, an den Fernsehbildern orientiert sich die Hilfsbereitschaft. Und heute ist die Aufmerksamkeit für unser Land gleich Null, Albanien wird vergessen. Und die Hilfe geht in den Kosovo. Das kann ich verstehen. Aber ich möchte betonen: Bitte vergesst nicht, dass Albanien das ärmste Land Europas ist. Leute, die aus dem Kosovo kommen, sagen uns: „Wir sehen, dass die Arbeit in Albanien eigentlich notwendiger wäre. Das öffentliche Interesse liegt jedoch im Kosovo.“ Doch das Problem im Kosovo ist nicht der Wiederaufbau, sondern die Frage der politischen Zukunft.
Die Menschen in Albanien haben großherzig geholfen. Wie erleben Sie heute die Situation? Tejado: Zunächst war es ein Gefühl des Glücks, dass die Kosovaren in ihre Häuser zurückkehren konnten. Und das ist wohl eines der stärksten Gefühle. Doch es gibt auch andere Gefühle. Sie stehen im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Über Wochen ist ihr Land die erste Meldung in allen Medien. Und dann, von einem Tag auf den anderen bleibt das weltweite Interesse aus – weil das, was sich hier abspielt, ja „normal“ ist. Alle TV-Anstalten, alle Zeitungen und so viele Hilfseinrichtungen waren in unserem Land – in zehn Tagen wurden alle abgezogen und Albanien blieb mit seinen eigenen Problemen zurück.
Die Mehrheit der Flüchtlinge waren Moslems, als Caritas organisierten Sie christliche Hilfe. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Tejado: Das ist für mich eine der interessantesten Fragen und für unsere Arbeit eine der wichtigsten Augenblicke. Im ersten Moment wollten die Flüchtlinge die kirchlichen Strukturen nicht annehmen. Sie sahen das Kreuz, und dachten sofort an die orthodoxe Kirche im Kosovo und an die Serben. Und damit wollten sie nichts zu tun haben. Zunächst haben wir an diese religiöse Dimension des Konfliktes gar nicht gedacht, weil wir diese Spannungen in Albanien nicht kennen. Daraufhin sind wir hinausgegangen und haben ihnen außerhalb der Kirchen geholfen.
Warum helfen uns Christen?
Die Flüchtlinge haben gesagt: „Es ist unmöglich, dass Christen uns Moslems helfen. Warum helft ihr uns?“ Und wir sagten: „Warum nicht?“ Wenn ich die Menschen heute in ihren Dörfern im Kosovo besuche, erzählen sie: „Zum ersten Mal haben wir erlebt, dass Christen den Moslems geholfen haben.“ Die Schwestern, Priester und Laien, die ihnen geholfen haben, sind heute ihre Freunde. Ich glaube, es wurde eine Mentalität aufgebrochen: Dass Christen nur den Christen helfen. Das war ihre Meinung, und jetzt haben sie erlebt, dass es nicht wahr ist. Viele sagen: „Das hätten wir nie geglaubt, dass ihr uns Moslems helfen werdet.“ In ihrer Vorstellung gab es diesen Gegensatz. Dass die katholische Kirche ohne eine bestimmte Absicht geholfen hat, hat für uns alle zu dieser wohl wichtigsten Erfahrungen geführt.