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Jedermann: Was im Leben und im Sterben wirklich zählt

KULTUR_LAND

Die Sprache ist alt, der Inhalt topaktuell: Der „Jedermann“ lockt tausende Besucher:innen nach Salzburg. Einer von ihnen ist Hubert Nitsch – er ist erstmals als Jedermann-Rufer im Einsatz. 

Ausgabe: 35/2026
25.08.2026
- Elisabeth Leitner
Jedermann-Rufer: Künstlerseelsorger und Kulturvermittler Hubert Nitsch.
Jedermann-Rufer: Künstlerseelsorger und Kulturvermittler Hubert Nitsch.
© kiz/elle

Verstaubt? Antiquiert? Pompös? – Was kann das Spiel vom Sterben des reichen Mannes uns heute noch sagen? Auf zum Jedermann und seinem Rufer!

 

Über den Dächern von Salzburg mit Blick auf den Dom gibt es ein Treffen mit einem der sechs Jedermann-Rufer:innen: Hubert Nitsch. Der Künstlerseelsorger und Kulturvermittler der Diözese Linz erfüllt sich heuer in seiner Freizeit einen Wunsch, den er schon seit Jahren mit sich herumträgt: Er hat sich für das Casting zum Rufer bei den Salzburger Festspielen beworben und wurde genommen. Nun ist er im Festspielsommer 2026 im Einsatz.

 

Die Rufe ertönen nicht so wie früher von den Kirchtürmen der Stadt, sondern kommen aus der „Unterwelt“. Ins Publikum hineingesprochen, aus dem Leben, aus dem Alltag dringt der Ruf auf die Bühne, kommt von allen Seiten: „Jeeedermannnn!“

 

Gestalter bis zum Ende 


„Wir haben die Chance bis zuletzt, wir sind Gestalter, bis wir weg sind. Im Angesicht des Todes kann sich ein Menschenleben vollkommen umwälzen“, bringt Nitsch die Botschaft des Jedermann auf den Punkt.

 

Der Haltung der Gleichgültigkeit und Aussichtslosigkeit wird hier in der Inszenierung von Robert Carsen eine deutliche Absage erteilt: „Der (End-)Punkt ist immer noch vor uns, bis wir gehen“, sagt Nitsch. „Jedermann“ konfrontiert das Publikum mit der eigenen Vergänglichkeit und der Frage, was im Leben und im Sterben wirklich zählt. Hier sind es am Ende die guten Werke und der Glaube, die Jedermann dem Verderben entreißen. 

 

Vollbesetzte Ränge, mittendrin Redakteurin Elisabeth Leitner.
Jedermann und Rufer: Philipp Hochmair mit Hubert Nitsch.
Buhlschaft Roxane Duran im Pausengespräch mit dem Rufer.
Viel Applaus für Jedermann und das ganze Team.
Der Salzburger Dom: nicht nur Kulisse, sondern Teil des Spiels.
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Spiegel der Gesellschaft


Hugo von Hofmannsthal hat das Stück 1911 geschrieben, seit 1920 gehört es als Fixstarter zu den Festspielen – und ist bis heute topaktuell.

 

Was hier vorne inszeniert wird, hat seinen Sitz im Leben. Tagtäglich. Die feine Tischgesellschaft auf der Bühne – Freunde, Verwandte, Günstlinge, schöne, reiche Menschen, die das Leben in vollen Zügen genießen – verknüpft mit einem Blick in die Zuschauerränge macht stutzig. Das Outfit auf beiden Seiten ähnelt sich.

 

Hofmannsthal hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. „Du bist es, der hier sitzt. Nicht die anderen!“, scheint er uns zu sagen. – Die Anderen gibt es wohl: Menschen, die zu wenig zum Leben haben, schwere Lasten tragen, verschuldet sind. Sie dürfen sein, am Rand leben, unbemerkt, gerade noch geduldet. 


Das ist heute nicht viel anders als vor 115 Jahren. Regisseur Robert Carsen gelingt es, diese lange Zeitspanne in das Stück  hereinzuholen, von den 1960er- Jahren mit goldenem Cabrio bis in die Gegenwart mit der allgegenwärtigen Handydominanz finden sich alle Generationen wieder.

 

Carsen gibt dem Stück eine Tiefe, die eine spirituelle Dimension sichtbar macht. „Was macht dich aus, Mensch? Worauf hoffst du?“ – Auch die christlich-katholische Tradition und Liturgie wird als Boden, der unsere Kultur geprägt hat bzw. prägt, sichtbar: Der Dom ist nicht nur Fassade, sondern Ort der Sicherheit und des Schutzes für Bedrängte, die Orgelmusik aus dem Dom bringt zum Beginn des Stücks das Publikum in eine neue Gestimmtheit, die keinen Klamauk und keine Plauderei mehr in den Bänken will.

 

Und mitten im prallen Leben und geselligen Treiben kündigt sich plötzlich der Tod an, im Chorrock und mit sanftem Glockenklang. „Jedermann“ hallt es in unterschiedlichen Variationen über den Domplatz: kräftig, ernst, lieblich, schaurig, zart. Die Rufer machen ihre Arbeit. Punktgenau muss alles sein, damit  das Stück für das Publikum seinen Lauf nehmen kann. 

 

Ein Bündel Mensch


Der Tod tritt an. Alles, was das Leben schön macht, verschwindet in Windeseile. Die Liebe, das Geld, der Reichtum – dahin!

 

„Jedermann“ wird der eigenen Kleider beraubt, so wie er aus dem Mutterschoß kam, liegt er auf dem harten Boden. Zusammengekauert, ein Bündel Mensch. Ein paar Kleidungsfetzen wirft ihm der Reichtum noch zu und mahnt ihn, sich anzuziehen: „Das ist peinlich!“, schreit er ihm nach. Nackt steht Jedermann da, Hilfe kommt nicht von den Freunden oder Verwandten, sondern von denen, die er im Leben kaum wahrgenommen hat. 

 

Würde, Respekt, Demut


Eine Fußwaschung, ein Verbeugen Jedermanns vor denen, die vorher am Rand der Gesellschaft standen und nun in die Mitte gerückt sind, macht die Wandlung des Jedermann deutlich: „Wo sind Momente, in denen man den Anderen in den Blick bekommt – in seiner Bedürftigkeit, in seiner Würde?“, fragt der Jedermann-Rufer hier nach.

 

Nicht etwas tun, um es sich für die Ewigkeit zu richten, sondern um Respekt und Würde jedem zu zollen, der hier steht, egal wie arm oder reich er ist. Demut vor dem Geschöpf und vor dem Leben und auch vor dem Tod zu zeigen: Dies ist der neue Jedermann.

 

Diese Verwandlung zeigt Philipp Hochmair eindrücklich und glaubhaft. Vom Alphatier und Macher wandelt er sich zum Staunenden; er empfängt und reißt nichts mehr an sich. 


In weißen Gewändern – in christlicher Deutung Symbol für das neue Leben, gar die Auferstehung – stellt man sich dem Unausweichlichen. Selbst der Tod legt sich am Schluss zu Jedermann ins Grab. Er hat seinen Schrecken verloren. Stille.

 

Viel Applaus für Hochmair und das ganze Team vor und hinter der Bühne. Berührt bleiben viele sitzen, lassen das Stück nachwirken. Andere streben den Ausgängen zu. Die Tische sind reserviert, das Essen wartet.

 

Berührt und Nachdenklich


Michael Münzner, Herausgeber der Kirchenzeitung, war einer der Gäste und erzählt: „Nachdem ich den ‚Jedermann‘ noch nie auf einer Bühne gesehen hatte, habe ich mich sehr gefreut, dass ich für die Premiere Karten geschenkt bekommen habe. Auch wenn ich den Inhalt kannte, hat mich die Aufführung mehr berührt, als ich vermutet habe.

 

Ich finde, dass die Botschaft, dass wir am Ende nichts von unseren materiellen Werten – nicht einmal die Kleidung am Körper – mitnehmen können, sondern nur die guten Werke zählen, großartig vermittelt wird und zumindest mich sehr nachdenklich nach Hause fahren ließ.“


Auch Seelsorger Josef Lugmayr, er leitet das Team "Männer, Generationen & Familie" in der Diözese Linz, war einer der Besucher aus Oberösterreich – und von der Aufführung des Jedermann sehr berührt: "Wir haben eine Aufführung erlebt, wo wir am Domplatz begonnen haben und dann, aufgrund eines Regengusses, ins Festspielhaus übersiedeln mussten. Das war für mich gleich zu Beginn ein sehr starker Eindruck: dass das Spiel vor dem Salzburger Dom beginnt, in dem ich arbeitsmäßig (im Vorfeld von Sitzungen) schon viele Gottesdienste gefeiert habe. Das Sakrale und das Weltliche sind einander sehr nahe. Das Streben nach Macht, die Sehnsucht nach Liebe, das Festhalten des Glücks – und kein Mensch kann der Endlichkeit entrinnen.

 

Sehr berührend in der Inszenierung mit Roxane Duran als Buhlschaft war für mich die innige Beziehung zwischen ihr und dem Jedermann, die u.a. in einem wunderbar getanzten Tango zum Ausdruck kam und spürbar war bis ins Publikum. Philipp Hochmair als Jedermann wieder mit einer schauspielerischen Glanzleistung: sehr glaubwürdig und ausdruckstark kreist er um die existenzielle Frage nach der eigenen Vergänglichkeit. Die Werke der Liebe, die ihn retten, waren unter anderem in einer Fußwaschung-Szene dargestellt. Es war mucksmäuschen still im Publikum – und wir alle waren berührt von der demütigen Handlung, die „Jedermann“ auf den Knien vollbrachte. Der Jedermann-Schrei, wissend dass er aus der Kehle eines guten Kollegen kommt, ist mir besonders unter die Haut gegangen. Kein Spiel! – wir alle sind gemeint!" 

 

Die Inszenierung macht betroffen, regt an ... – das erlebt auch Jedermann-Rufer Hubert Nitsch immer wieder. Mit vielen Besuchern ist er nach der Aufführung im Gespräch. „Jedermann hat sich in Österreich zum Mythos entwickelt, auch durch die TV-Produktionen ist das Werk bekannt“, meint Nitsch: „Ich war früher schon im Chor bei den Festspielen im Einsatz. Jetzt freue ich mich Teil dieses Mythos zu sein. Die Fußwaschung und die Klarheit des Todes haben mich am meisten berührt“, erzählt er. „Es wird sichtbar, dass die Werke zählen. Das Minimum an Nächstenliebe  – es zählt. Und das ist tröstlich.“ 

 

 

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