Serie: 7 Gaben des Hl. Geistes – die Erkenntnis (5)
Ausgabe: 2000/21, Frucht
23.05.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Angelika Pressler
„Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.“ – Ist das nicht seltsam? Dort das Verbot der Erkenntnis und hier die Gabe der Erkenntnis! Könnte es sein, dass diese Gabe voll Widerspruch ist? Und erst recht, wenn ich im Buch Genesis weiterlese, dass Adam und Eva einander erkannten; in der Sprache der Bibel heißt das: Sie liebten einander mit Haut und Haar, von Seel’ zu Seel’, von Leib zu Leib. Tod und Verderben auf der einen Seite, Leben und Liebe auf der anderen Seite. Doch vielleicht bergen gerade diese Gegensätze einen Schlüssel zum Erfassen der seltsamen „Frucht Erkenntnis“.Von altersher wurde diese Gabe auch als Gabe der Wissenschaft gesehen, und zwar der Theologie als Wissenschaft. Sie war aufgerufen, die Welt als Geheimnis Gottes immer tiefer zu erforschen. Sie hatte das Gesamt vor Augen, das Lieben und Streben, Denken und Forschen der Menschen im Angesicht Gottes. Ihr Erkennen wurde im Sinn der Ganzheitlichkeit gedeutet. Nichts ist getrennt voneinander, alles lebt in Bezogenheit, ist verwirkt miteinander wie in einem unsichtbaren Netz. Ihr Erkennen lag darin, die Fäden zu schauen, um dem dahinter wirkenden Weber zu begegnen und Ihn zu loben. Mittlerweile ist diese Ganzheit des Erkennens zerbrochen. Die Wissenschaften haben sich ausdifferenziert und können in immer kleiner werdenden Spezialbereichen immer größere Teilerkenntnisse liefern. Aber eben nur mehr Teile. Und wir haben die Qual der Wahl. Der Apfel ist dabei schon längst nicht mehr ein Symbol für die Erkenntnis zwischen Gut und Böse, sondern dafür, dass wir auch morgen noch kräftig zubeißen können. Gabe der Erkenntnis? Meint sie vielleicht ein Erkennen im Sinn von Begegnen? So wie Liebende einander sehen, eins ins andere taucht, und sich selber neu erkennt? So wie Thomas, mein zweifelnder Lieblingsjünger, der darauf besteht, Jesus zu begegnen – um ihn zu erkennen?