Haft verändert das Leben. Aber tut sie es auch mit Maß und Ziel?
Ausgabe: 2000/22, Haft, WeGe
30.05.2000
- Ernst Gansinger
Vier Jahre hinter Gittern. Und dann – Wut? Einsicht? Reue? Oder Hilflosigkeit, Armut, gefährdet, wieder zu scheitern?
Eine Haftstrafe hinterlässt tiefe Spuren. „Ich habe fürs Leben dazugelernt“, sagt zwar B., einer der Bewohner der WeGe, der Wohngemeinschaft für Haftentlassene in Wels. Aber sein Lernen musste er bitter bezahlen: „Zuckerlecken ist es keines; man muss sich voll auf die Füße stellen.“ B. lernte Selbstständigkeit. Eine Selbstständigkeit, die ihn verschlossen werden ließ, vorsichtig, scheu, zurückhaltend.
Die WeGe wird von der Caritas geführt; 1994 zogen die ersten Männer ein. Bis zu zehn Haftentlassene können hier maximal ein Jahr bleiben. Hauptamtliche Mitarbeiter/innen und ehrenamtliche Helfer/innen sorgen dafür, dass rund um die Uhr Ansprechpartner da sind. Es gilt, Menschen nach der Haft wieder Halt im Leben „heraußen“ zu zeigen. Je länger die Haft dauerte, desto schwieriger ist es für die Betroffenen, wieder Fuß zu fassen. G. saß 15 Monate. Meint er, etwas versäumt zu haben? Hadert er mit sich und dem Schicksal? – „Da denkt jeder anders“, sagt G. „Das geht einem schon durch die Birne.“ Die Gefängniszeit hält er aber letztlich für eine Zeit, die nicht umsonst war: „Sie hat mein Leben verändert.“ Und K. meint gar: „Das erste Jahr Häfen war wichtig.“ Auch für seine Frau, die war dadurch geschützt, denn er war damals so in Rage... Nur S., der wegen Wiederbetätigung mit Haft bedroht ist, versteht nicht, wieso man wegen Gesinnung ins Häfen soll.
Entlassen in die Bedürftigkeit
Die Haft freilich sieht kaum einer als gerecht an. Sie war zuviel, zu streng, zu unsinnig, zu wenig auf das Danach ausgerichtet. Wer entlassen wird, steht oft ohne Dach überm Kopf da. Geld hat er auch nur spärlich. Wer im Häfen arbeiten konnte, hat ein paar Schilling. Aber wer nach der Haft nicht weiss, wohin, der hat auch die paar Schillinge bald ausgegeben. Außerdem wird die Arbeitsstunde im Gefängnis so karg entlohnt, dass nicht viel bleibt. „Die Häftlinge werden in der Arbeit ausgebeutet“, sagt K. – und G. ergänzt: „Wennst nicht arbeiten kannst und niemanden hast, der dir Geld schickt, dann bist überhaupt arm dran“. Nun soll keiner denken, Häfen ist Häfen. Diejenigen unter den Haftentlassenen, die schon mehrere Gefängnisse kennenlernten, wissen, dass Stein etwa ganz anders als Garsten ist oder Linz anders als Wels. Ein Beispiel: „In ... kriegst eine Milch, wenn du arbeitest, in ... gibt es Milch nur bei bestimmten Arbeiten, und da auch nur verdünnt.“
Das Gerede vom Luxus im Gefängnis geht jedenfalls daneben. M. zum Beispiel saß wegen Autoschieberei dreieinhalb Jahre in U-Haft. Er hat zwei Kinder, die heute sieben und acht Jahre alt sind. Ihren Papa sahen sie kaum. Und wie sollte die Mama den Kindern erklären, wo Papa ist? Insgesamt sind die Möglichkeiten für Paare, ihre Zärtlichkeit zu leben, null. Manche Freunde haben sich vertschüsst... Einsamkeit und leben müssen mit vielen Einschränkungen – das ist der Gefängnisalltag.
Was sich ändern müsste
Damit sie nach der Haft viel wahrscheinlicher ein zum Guten verändertes Leben führen können, bräuchte es einschneidende Verändrungen: In der Haft müsste mehr auf den einzelnen eingegangen werden... es dürften keine 16-/17-Jährigen eingesperrt werden ... im Gesetz müsste man das rechte Maß im Auge behalten, nicht jahrelanges U-Haft-Sitzen möglich machen ... die Arbeit im Gefängnis müsste gerechter bezahlt sein ... und es müsste mehr Unternehmer wie jenen geben, der K. nach der Haft einstellte, obwohl er von seiner Haft wusste...