Serie: 7 Gaben des Hl. Geistes – die Gottesfurcht (6)
Ausgabe: 2000/22, Gottesfurcht
30.05.2000
- Kirchenzeitung der Diözese Linz, A. Pressler
Bei dieser Gabe des Heiligen Geistes beschleicht mich Unbehagen. Da schwingt soviel an Strenge mit, an Machtmissbrauch; da steigen Bilder in mir auf von furchtsamen Kinderaugen und harten Elternhänden; Bilder, in denen im Namen eines furchtbaren Richtergottes gedemütigt und gefoltert, in denen der Gehorsam gegenüber jeder Obrigkeit mit der Peitsche eingebläut wurde. Da ist mir wahrlich ein „Gottlieb“ sympatischer als ein „Fürchtegott“! Zugleich hege ich ein Fünkchen Hoffnung und sage mir, eine solche Furcht entspringt doch nur der Menschen Macht und ihrer Angst. Aber die Gabe der Gottesfurcht kann doch nichts mit Angst zu tun haben? Angst frisst Seele auf, Angst macht eng, Enge macht engstirnig, und wer eng hinter der Stirne ist, kann nicht mehr denken, vom Fühlen ganz zu schweigen.Was ist dann aber die Gottes-Furcht, dass sie uns gar zum Geschenk gemacht wird?Furcht hat für mich immer auch ein Stück weit mit Respekt zu tun, selbst wenn das paradox klingen mag. Aber da gibt es schließlich die Ehr-Furcht – eine Furcht, die dem anderen die Ehre gibt, die ihm Respekt und Achtung zollt. Wer respektvoll ist, hat die Fähigkeit, zurückblicken zu können, im wahrsten Sinn des Wortes Rück-Sicht zu nehmen. Das ist das Gegenteil von engstirnig und ängstlich. Respekt und Ehrfurcht haben viel mit Anerkennung zu tun, und vielleicht deshalb auch ein bisschen mit der Gabe der Erkenntnis, die liebevolles Begegnen ermöglicht. Gottesfurcht als Ehrfurcht vor dem Anderen, Unvertrauten, dem Fremden, das ist fürwahr eine wichtige Gabe unserer Tage. Denn die uralte und wieder aufgewachte „Heidenangst“ ist nichts anderes als die Angst vor fremden Völkern; die Gottesfurcht aber beinhaltet Ehrfurcht und Respekt, weil auch die „Fremden“ Menschen voll Würde und Ansehen sind. Heidenangst oder Gottesfurcht? Ist die Gabe der Gottesfurcht ein Stück vom Augenlicht Gottes, von seiner Furcht vor dem Menschen, von Ihm, der immer auch der andere, Ferne und Fremde ist?