Unsicherheit kennzeichnet die Situation der Christen im Südlibanon
Ausgabe: 2000/23, Libanon, Caritas,
06.06.2000
- Walter Achleitner
Caritas Libanon organisiert Lebensmittelpakete und medizinische Hilfe für Tausende Familien. Beim Rückzug zerstörte die israelische Armee auch die Wasserversorgung.
Der Abzug der israelischen Armee aus dem Südlibanon nach 22-jähriger Besatzung war für alle Seiten überraschend. „Um so größer auf der einen Seite daher auch die Freude“, meint Stefan Maier. Der Libanon-Referent der Caritas Österreich war am 24. Mai in Beirut, als der letzte israelische Soldat das Tor im Grenzzaun zum Libanon hinter sich schloss. Doch nicht alle Bewohner der bisherigen Sicherheitszone, wie Israel den zehn bis 15 Kilometer breiten Streifen entlang seiner Grenze nannte, teilen diese Freude. Maier am Telefon gegenüber der Kirchenzeitung: „In vielen christlichen Dörfern herrscht Unsicherheit. Die Angst ist groß.“ Statt euphorischem Taumel mache sich Hoffnungslosigkeit breit.
Angst vor Rache
Vor allem ist es Angst vor Rache der pro-iranischen Kämpfer der Hisbollah („Partei Gottes“), die gegen die Besatzungsmacht kämpfte. Viele der 80.000 Christen, die noch auf dem 850 Quadratkilometer großen Gebiet leben, fürchten, als Kollaborateure Israels bestraft zu werden. Direkt zusammengearbeitet, wenn auch oft unter Zwang, haben die 2500 Mann der „Südlibanesischen Armee“ (SLA). Die 1978 während der ersten israelischen Invasion aufgebaute Armee wurde von Israel ausgebildet, bewaffnet und finanziert. Wenn auch 70 Prozent der Milizionäre aus den muslimischen Dörfern kamen, so waren die 30 Prozent Christen in der SLA vor allem in höheren Rängen anzutreffen. 1500 SLA-Soldaten haben sich seither im Libanon gestellt. Ihnen drohen Haftstrafen von zwei Jahren und länger. Andere sind samt Familie, mehr als 6000 Personen, den Abziehenden über die Grenze gefolgt.
Lebensgrundlage zerstört
„Mit dem SLA-Sold wurden ganze Dörfer erhalten“, erzählt Maier. „Und die Familien wissen nicht, wie es weitergehen soll, wenn die Männer nun jahrelang im Gefängnis sitzen.“Wie der Caritas-Referent berichtet, gehe die libanesische Strafverfolgung wegen Kollaboration mit dem Feind sogar so weit, dass jene von Militärgerichten selbst in Abwesenheit verurteilt werden, die von der Sicherheitszone aus in Nordisrael gearbeitet haben. Ihm sei der Fall einer Mutter eines behinderten Kindes bekannt, die, um die notwendige medizinische Versorgung ihrer Tochter zu finanzieren, als Putzfrau in einem israelischen Krankenhaus gearbeitet hatte. Sie habe jetzt nicht nur ihren Job verloren, sondern ist darüber hinaus zu zwei Jahren Haft und 20.000 Schilling Geldstrafe verurteilt worden. Maier: „Was hätte sie tun sollen? Diese Frau ist total verzweifelt.“ Wie viele Familien um ihre Lebensgrundlage gekommen sind, kann Caritas-Referent Maier noch nicht sagen. Nach 22-jähriger Besatzung gibt es keine zuverlässigen Zahlen. Aber neben dem Familienerhalt stellt sich nun in der Region auch die Frage der Wasserversorgung und der medizinischen Betreuung. Denn, so Maier, die abziehende Armee hat nicht nur militärische Einrichtungen zerstört, sondern auch in vielen Dörfern die Wasserversorgung und Gesundheitsposten.
Ein Sieg aller Libanesen
14 Tage nach dem Abzug lässt die Verstärkung für die UN-Blauhelme (UNIFIL) noch auf sich warten. Auch die libanesische Armee hat die Kontrolle über das geräumte Gebiet noch nicht übernommen. Doch von Racheakten an der christlichen Bevölkerung war bisher nichts zu spüren. Der Generalsekretär der islamischen Widerstandsbewegung Hisbollah, Hassan Nasrallah, hat am vorletzten Samstag den Christen ein friedliches Zusammenleben zugesichert. Ausdrücklich bedauerte er, dass es in den ersten Tagen zu Plünderungen gekommen sei. Und vor mehreren zehntausend Anhängern erklärte der Scheich, die Befreiung des Südlibanons sei ein Sieg aller Religionsgemeinschaften und aller Libanesen.