Zu Pfingsten und zur Zeit der Firmungen kommen in der Kirche Bilder des Hl. Geistes in Taubengestalt verstärkt vor. Die 80 oö. Briefaubenzüchter und -sportler haben das ganze Jahr mit diesem Getier zu tun.
Bei Altbürgermeister Otto Wieser in Riedau geht es zu wie in einem Taubenschlag. Klarerweise, denn der Obmann der „Vereinigten Reisetauben-Züchtervereine OÖ“ besitzt einen solchen. Am Ende des Gartens befindet er sich und auf den ersten Blick könnte man ihn für ein Blockhaus halten. Doch beim Blick zum Himmel ist ein Taubenschwarm zu entdecken, der Trainingsflüge absolviert. Gelockt von Zurufen und Pfiffen des „Taubenvaters“ kehrt der Pulk zurück in den Schlag. Im Innern der Holzkonstruktion gurrt und scharrt es. 80 Tauben sind hier zu Hause, streng getrennt nach „Reise-“ und „Zuchtschlag“. Reisetauben, das sind jene Vögel, die von Mai bis August an Wettflügen teilnehmen. Weil fast alle Sportler ihre Brieftauben selbst züchten, gibt es daneben den Zuchtbereich, wo die besten Paare Eier ausbrüten und die Brut aufziehen. Tauben sind streng monogam veranlagt und leben in festen Paarbeziehungen. Sowohl Brutarbeit als auch Aufzucht der Jungen sind zwischen Männchen und Weibchen aufgeteilt. Das starke Gefühl für den Partner bzw. die Partnerin und die enorme Fürsorge für die Jungen sind wohl das Geheimnis der schnellen Rückkehr, wenn die Tauben an weit entfernt Orten ausgesetzt werden.
Möglichst schnell nach Hause
Vor dem Abtransport zum Wettflug werden die Taubenpaare für wenige Minuten zueinander gelassen. Die Tiere schmiegen sich aneinander und gurren zufrieden. Nimmt der Besitzer dann die Reisetaube weg, bleibt nur mehr der Schmerz der Trennung. Nun wird eingekorbt und per LKW, der den oö. Taubensportlern gemeinsam gehört, beginnt die bis zu tausend Kilometer lange Reise für insgesamt 3000 oö. Tauben. Nach Start, Flug und Wiederkehr dürfen die Paare einige Stunden gemeinsam verbringen. Das wissen sie und geben alles, um möglichst schnell heimzukehren. Auf welche Weise die Orientierung funktioniert, ist nicht restlos geklärt. Sicher ist, dass Super- Augen, optische Merkfähigkeit, Geruchssinn und das Magnetfeld der Erde eine Rolle spielen. Im Brieftaubensport zählt die Zeit zwischen Freilassung und der Rückkehr in den Heimatschlag. Gemessen wird mittels Eelektronik, die auf einen Mikrochip im Fußring der Taube reagiert. Die Tiere erreichen Durchschnittsgeschwindigkeiten von 90 km/h (berechnet wird die Luftlinien-Entfernung), obwohl sie Bergen und Gewässern instinktiv ausweichen. Gefahr droht auch von Raubvögeln und Stromleitungen.
Sauberkeit und Ernährung zählen im Taubenschlag
Wer – vielleicht aus schlechter Erfahrung mit der Taubenplage in Städten – meint, dass ein Taubenschlag stinkt oder voller Kot sei, der irrt. Penibel wird täglich geputz, gesäubert, gesaugt. Taubenzüchter Otto Wieser: „Wäre der Schlag nicht rein, könnten Bakterien aus dem Kot in die Nahrung kommen und die Tiere erkranken. Die Gesundheit der Tauben ist das Erste, worauf zu achten ist. Sonst sind sie nicht schnell genug.“
Tierliebe, Wissen und Zeit
Der Speiseplan der Tauben klingt wie ein ausgeklügelter Diätratgeber. Kohlehydrate, Fette und Vitamine werden gefüttert, dem Zufall ist nichts überlassen. Wird auf den Feldern Kunstdünger gestreut, haben Herrn Wiesers Tauben Schlag-Arrest. Zu gefährlich wäre die Aufnahme. Kommt auch Doping vor? In Österreich nein, aber in den Hochburgen des Brief-taubensports, in Belgien, Holland und Deutschland, gab es schon Fälle, weiß Otto Wieser.Letztlich geht es ja um nichts, außer um die Ehre und um die Teilnahme an Bewerben, z. B. an der Brieftauben-Olympiade. Wieser: „Zum Zurückfliegen kann ich ohnehin keine Taube zwingen, es liegt in ihrer Freiheit. Für mich ist es nur Freude und Entspannung, die Vögel beim Flug zu beobachten.“ Tierliebe und ausreichend Zeit sind Voraussetzungen für den Umgang mit Tauben. Wer beides mitbringt, findet bei diesem Sport bzw. Hobby große Erfüllung.
Die Taube als Symbol
Die erste Erwähnung einer Taube, die nach Hause zurückkehrt, findet sich im biblischen Bericht über die große Flut. Noah sandte eine Taube aus, die beim zweiten Versuch mit einem Ölzweig im Schnabel auf die Arche zurückkam (Gen 8,8–12). Die Flut war zu Ende und von nun an galt die Taube als Zeichen des Friedens und der Versöhnung. – Das Alte Testament sieht Tauben als Opfertiere vor, die auch bei der Beschneidung Jesu dargebracht wurden (Lk 2,24). Beim Bericht über die Taufe Jesu im Jordan heißt es, dass Gottes Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabkam (Lk 3,22). Seither ist das Tier Sinnbild der Taufe, des Hl. Geistes und „seines“ Festes Pfingsten. Im Neuen Testament gilt die Taube darüberhinaus als Ausdruck der Arglosigkeit, Lauterkeit und Einfalt (Mt 10,16). Auf manchen frühchristlichen Grabsteinen ist eine Taube zu finden, sie ist auch Symbol für die Seele. Die Taube fand Eingang in Redewendungen und Sprichwörter (z. B.„Wie Tauben turteln“).
Stichwort:
Brieftaube Angeblich entdeckte man schon in der Antike das ausgeprägte Heimfindungsvermögen bestimmter Taubenrassen. Brieftauben bewältigen mit fast unglaublicher Geschwindigkeit (mit Wind bis ca. 130 km/h) Distanzen von bis zu tausend Kilometern. Die Tiere kehren – instinktivgelenkt – vom Auflassort unverzüglich zu ihrem Heimatschlag heim. In der Vergangenheit waren sie zur Nachrichtenübermittlung besonders im militärischen Bereich eingesetzt, bis vor wenigen Jahren auch bei der Bergrettung. Heute sind die Tiere, weil schneller als jedes Taxi, zum Transport von Blutproben in Großstadtspitälern im Einsatz. Meist aber ist ihre Haltung Hobby und Sport.
Interessierte wenden sich an Otto Wieser, Riedau, Tel. 07764/8761