Pratzner: Das Verständnis für die Mitte des christlichen Lebens fördern
Ausgabe: 2000/24, Weltkirche, Pratzner,
13.06.2000
- Walter Achleitner
Der Österreicher P. Ferdinand Pratzner leitet seit 16 Jahren die Vorbereitungen für die älteste internationale Großveranstaltung der katholischen Kirche. Am 18. Juni beginnt zum 47. Mal der Eucharistische Weltkongress.
Am Sonntag beginnt in Rom der Eucharistische Weltkongress, den Sie bereits zum fünften Mal vorbereiten. Ihre Heimat jedoch hat sich weder darauf vorbereitet, noch wird eine Gruppe aus Österreich daran teilnehmen. Sind Sie enttäuscht? Pratzner: Heute bin ich noch einmal die Länderliste durchgegangen. Bisher haben Gruppen aus über 50 Nationen ihr Kommen angekündigt. Dabei habe ich bemerkt, dass Österreich fehlt. Das wurde jetzt geändert, denn Kardinal Schönborn hält ja am 23. Juni eine Katechese über „Eucharistie, Umkehr und Versöhnung“. Dass aber keine Gruppe daran teilnimmt, so wie bisher, das ist richtig.
Warum nimmt Österreich an dieser weltweiten katholischen Initiative nicht teil? Pratzner: Einerseits muss eine Bewegung dafür vorhanden sein, andererseits hängt es von der pastoralen Auffassung der Bischöfe und Priester ab. Welchen Platz räumen sie der Eucharistie in der praktischen Pastoral ein? Im deutschsprachigen Raum gibt es wunderbare Programme. Aber sie schleichen in der Seelsorge oft um das Zentrum herum, führen aber nicht immer in die Mitte hinein. In Deutschland aber und in Österreich werde ich immer wieder gefragt: Was haben diese Kongresse für einen Sinn? Sie fragen, weil sie keine Erfahrungen damit haben.
Gibt es dafür geschichtliche Gründe? Pratzner: In Deutschland, viel seltener auch in Österreich, gibt es jedoch Katholikentage. Erst vor zwei Wochen wurde in Hamburg der 94. Katholikentag veranstaltet. Und was geschieht dort? Es wurden über 1000 Veranstaltungen angeboten. Sicher wird da auch Eucharistie gefeiert, aber sie steht nicht imMittelpunkt, als die Quelle aus der alles andere entspringt.
Wie erfolgt in anderen Ländern die Vor- oder Nachbereitung? Pratzner: Der Eucharistische Weltkongress ist sozusagen der Höhepunkt. Nationale Kongresse gehen ihm voraus, wie erst Anfang Mai in Mexiko. 90 Diözesen haben sich darauf vorbereitet. Das ist eine ganze Bewegung, die in jahrelanger Arbeit in den Pfarren von unten her aufgebaut wird. Auch Uruguay möchte ich erwähnen, das heuer erstmals seit 60 Jahren wieder ein derartiges Treffen veranstaltet hat. Und unter den vielen afrikanischen Staaten darf der vom Bürgerkrieg zerrissene Sudan nicht vergessen werden. Dort wird es im November in beiden Teilen gleichzeitig einen Nationalkongress geben, in einer Stadt des Südens, der von Rebellen kontrolliert wird, und in dem vom islamischen Militärregime beherrschten Norden.
Brot für das Leben
Welche Erwartungen haben Sie an diesen 47. Kongress? Pratzner: Die sind die selben wie bei den vorausgegangenen: das Verständnis für die Eucharistie möge unter den Menschen wachsen. Denn die Erfahrung zeigt, dass noch große Defizite vorhanden sind, was die Liebe zur Eucharistie und der Gegenwart Christi betrifft. Das ist ja die Mitte des ganzen kirchlichen Lebens. Dem Einzelnen soll bewusst werden, was die Messe für ein christliches Leben bedeutet. Ist sie Nahrung für das christliche Leben? Es kommt darauf an, das persönliche Verhältnis zu Christus in der Eucharistie zu entdecken, der sich mit Leib und Blut hingibt. Ist das für mich Realität, oder sind es nur fromme Worte, die mich im Innersten nicht berühren? Die Eucharistie ist der Testfall des christlichen Glaubens. Heute ist dieser Glaube noch weniger selbstverständlich als vor 119 Jahren, als der erste Eucharistische Kongress gefeiert wurde. „Jesus Christus, einziger Erlöser der Welt“, heißt daher das diesjährige Thema. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Dann wird Jesus Christus, wie es weiter heißt, „Brot für das neue Leben“. Glaube ich an ihn als den einzigen Erlöser, oder ist er nur einer der großen Religionsstifter?
Christus begegnen
Zum ersten Mal wird ein Eucharistischer Weltkongress in einem Heiligen Jahr gefeiert. Pratzner: Ja, und der Papst sagt, er soll die Mitte – das Herz – dieses Jubeljahres sein, dessen Sinn es ist, die Menschen zu einer Begegnung mit Christus zu führen. Und diese persönliche Begegnung ist auch das Ziel des Eucharistischen Weltkongresses.
Am letzten Kongresstag werden die Gläubigen in aller Welt eingeladen, beim Gottesdienst besonders der Gemeinschaft in der Eucharistie zu gedenken. Pratzner: Es geht ja nicht darum, wie viele nach Rom kommen. Zwar erwarten wir einige Hunderttausend bei der Abschlussmesse am 21. Juni um 18.30 Uhr. Aber eigentlich soll es an diesem Tag darum gehen, das ganz bewusst zu erleben, was in jedem Hochgebet gesagt wird: In Gemeinschaft mit dem Papst, mit den Bischöfen, mit der ganzen Kirche feiern wir die Eucharistie. Denn die Eucharistie hält die Weltkirche zusammen – letzten Endes nicht der Papst, er ist das sichbare Zeichen. Aber er stützt sich auch auf die Eucharistie. Wenn er irgendwo hin kommt, ist das seine Stärke und sein Zeugnis, dass er daran glaubt.
Ferdinand Pratzner ist Mitglied des Ordens der Eucharistiner. Vor 64 Jahren in Südtirol geboren, ist er in Werfen (Salzburg) aufgewachsen. Der an der Gregoriana promovierte Theologe war unter anderem 15 Jahre in Wien tätig, davon fünf Jahre als Spiritual im Priesterseminar. Seit 1983 ist er Generalsekretär des Päpstlichen Komitees für die Eucharistischen Weltkongresse.