Eine offenere und ehrlichere Auseinandersetzung mit den Irrwegen und Fehlern der Kirche in Österreich verlangte der Grazer Kirchengeschichtler Maximilian Liebmann. Dabei sollte die Kirche vor allem das letzte Jahrhundert in den Blick nehmen, da die Irrwege dieser Zeit bis heute wirken: Liebmann nannte das gestörte Verhälnis der Hierarchie zu demokratischen Strukturen in der Politik und innerhalb der Kirche, den Antisemitismus des konservativ-katholischen Lagers, den Umgang mit den Opfern und Tätern des Nationalsozialismus nach 1945 und die Wiederwahl von Kardinal Groer zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz, obwohl bereits gravierende Verdachtsmomente vorlagen. Die von Liebmann genannten Fehler sind nicht mit einer raschen Vergebungsbitte aus der Welt zu schaffen; sie müssen geschichtlich und theologisch sauber aufgearbeitet werden. Erst wenn die Wurzeln freigelegt sind, ist ein ehrliches „mea culpa“ möglich, das die Bereitschaft, aus den Fehlern für die Zukunft zu lernen, miteinschließt.
Vergangenheit II
„Es ist katholischer, mit dem Bischof in Irrtum als gegen den Bischof in Wahrheit zu schreiten.“ Dieser Satz des Dogmatikers Alois Nicolussi bei der Wiener Seelsorgertagung 1935 ist für den Kirchenhistoriker Liebmann typisch für das absolutistische katholische Kirchenverständnis der ersten Hälfte des 20. Jahrhundertes. Bis heute werden im Sog derartiger Grundhaltungen uralte kirchliche Traditionen mißachtet: das freie (gebildete) Gewissen als oberste Entscheidungsinstanz menschlichen Handelns und der hohe Wert synodaler (Mit-) Entscheidunsprozesse.