Die Österreicher entwickeln sich immer mehr zum „Rosinen-Menschen“
Ausgabe: 2000/24, Familie, Heiligtümer, Religion,
13.06.2000
- Hans Baumgartner
Der Österreicher ist sich selbst am nächsten. Aus dem Angebot an Werten und Weltanschauungen pickt er das heraus, was ihm nützlich scheint.
Vergangene Woche präsentierte das Forscherteam um den Pastoraltheologen Paul Zulehner die Wertestudie 2000 für Österreich. Sie ist Teil eines gesamteuropäischen Projektes, das die Lebenskonzepte und Werthaltungen sowie deren Veränderungen analysiert. Den gegenüber der Studie von 1990 auffälligsten Trend nennt Zulehner die „Entwicklung zum Rosinen-Menschen“: Er pickt sich aus dem Kuchen der Wert- und Weltanschauungsangebote das heraus, was ihm für sein Leben am nützlichsten erscheint. So etwa setzt sich einerseits der bereits vor zehn Jahren aufgezeigte Trend zu mehr Freiheit und Selbstentfaltung fort, andererseits steigt gleichzeitig der Wunsch nach neuen Sicherheiten.
„Der Trend zum Ich hat eine neue Stufe erreicht“, bilanzieren die Forscher. Wenn es nützlich scheint, werden auch gegensätzliche Werthaltungen unter einen Hut gebracht, oder wie Zulehner es beschreibt: „Ich will alles – und das sicher.“ Die Studie zählt eine Reihe von Beispielen auf, die für diese Entwicklung typisch sind. Während die Glaubens- und Lebenskonzepte etablierter Religionen an Bedeutung verlieren, mixen sich immer mehr Menschen ihre „Privatreligion“ aus durchaus widersprüchlichen Weltanschauungen zusammen. Da haben z. B. christlicher Gottesglaube, Reinkarnation und Naturalismus in „einem Topf“ Platz. In Bereich Wirtschaft stimmt man in das hohe Lied von der persönlichen Leistung und vom freien Markt ein, gleichzeitig aber wird großer Wert auf staatliche Sicherheiten gelegt. Im Bereich der Arbeit will man mehr Selbstverwirklichung und mehr Geld – und gleichzeitig mehr Arbeitsplatzsicherheit.
Kleine Lebenswelten
In einer immer unübersichtlicheren Welt gewinnt der kleine, überschaubare Lebensbereich als Ort der Selbstentfaltung und Stabilität weiter an Bedeutung. Für 89 Prozent der Österreicher/innen ist die Familie sehr wichtig, für 66% die Arbeit. Dann folgen mit 44% der Freundeskreis und mit 39% die Freizeit. Politik ist nur 10 Prozent sehr wichtig, Religion ist für 20% sehr und für 34% ziemlich wichtig. Im Vergleich zu 1990 haben im Ranking der „Heligtümer“ die Familie und der Freundeskreis deutlich zugelegt. Geprägt von Stabilität, Zuneigung und Liebe, sind sie so etwas wie „ein Dach über der Seele“, ein Ort, „an dem der Mensch als Person zählt“, interpretiert Zulehner.Interessant ist die Studie auch hinsichtlich der Auffassungen über Ehe und Familie. Für 21% der Männer und 19% der Frauen ist die Ehe eine überholte Einrichtung. Bei jüngeren ist die Kluft zwischen Männern und Frauen beträchtlich: 26% der Männer, aber nur 18% der Frauen halten die Ehe für „altes Eisen“. Immerhin – vier Fünftel der Bevölkerung schätzen die Ehe. In den Beziehungen zählen vor allem Respekt, Treue, Verstehen und Toleranz. Weniger wichtig wurden in den letzten zehn Jahren – was Zulehner nachdenklich stimmt – Kinder und das Reden über gemeinsame Interessen. Die Männer sind deutlich mehr bereit, gemeinsam den Haushalt zu machen (35%) als noch vor zehn Jahren (22%).
Ein starker Mann
Der Soziologe Hermann Denz sieht in der wachsenden Bedeutung der kleinen Lebenswelten auch eine Tendenz des Rückzuges. Das gesellschaftliche und politische Interesse der Österreicher und ihre Solidaritätsbereitschaft gehe kaum über den Bereich der Familie und Nachbarschaft hinaus. Fremden gegenüber schotte man sich ab. Denz ortet darin eine Quelle der wachsenden Ausländerfeindlichkeit. Eine weitere Quelle sei das seit 1990 festzustellende Anwachsen der Sympathie für alte Werttraditionen und autoritäre Gesellschaftsmodelle – und Ausländer stören die Ordnung, das Volkstum, die abendländische Kultur. Bedenklich stimmt, dass bereits für jede/n fünfte/n Östereicher/in ist ein „starker Mann“ anstelle des Parlaments vorstellbar ist.
Im Blick:
Bruchlinien im Lande
Der Soziologe Hermann Denz stellte in der Wertestudie 2000 Bruchlinien in der Gesellschaft fest. Nach dem „Aufstand“ der Reformer Anfang der 70er Jahre und der Individualisten in den 80er Jahren, die jeweils einen Schub im Wertehaushalt der Gesellschaft ausgelöst haben, gebe es nun einen „Aufstand“ der Verlierer/innen. Die wachsende Unzufriedenheit und Angst bei steigendem Wohlstand, wie es Caritas-Präsident Küberl nannte, führt zu einem Anwachsen neokonservativer, autoritär-fundamentalistischer Werthaltungen. Noch gebe es eine breite Übereinstimmung zu zentralen gesellschaftlichen Werten. Die zunehmende Konkurrenz unterschiedlicher Gesellschaftsmodelle veranlasst Denz aber zur Frage, „ob sich Österreich von der Konsens- zur Konfliktdemokratie wandelt“.
Religiös ohne Kirche
Die Religion hat im Leben der Österreicher in den letzten zehn Jahren an Bedeutung gewonnen: Mehr Menschen glauben an „Gott“ (83%; 1990 waren es 77%), finden in der Religion Trost und Kraft (58%/47%) oder nehmen sich Zeit für Gebet (67%/59%). Das Vertrauen in die Kirchen und ihre moralische, geistige und soziale Kompetenz ist weiter zurückgegangen. Während bei den Evangelischen das Vertrauen in die Kirche stabil blieb, ist es bei den Katholiken von 56% aus 43% zurückgegangen, verweist der Pastoralsoziologe Christian Friesl auf die Kirchenturbulenzen.