Vom Zugtier zur High Tech-Gesellschaft – Eine Vision aus dem Jahr 1926
Ausgabe: 2000/24, Mensch, Natur, Technik, EXPO,
13.06.2000
- Martin Kranzl-Greinecker
Wohin wird der technische Fortschritt, vor allem die Entwicklungen im elektronischen Bereich und in der Tele-kommunikation, führen?
Diesen und ähnlichen Fragen spürt die vergangene Woche eröffnete Weltausstellung „EXPO 2000“ in Hannover auf 100.000 Quadratmetern nach. Die Zukunft von Mensch, Natur und Technik steht nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt des Interesses. Das beweist auch ein Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 1926, der der Redaktion der Kirchenzeitung unlängst übergeben wurde. Anton Lübke, Autor des Beitrags „Technik und Mensch im Jahre 2000“, wagte einen Vorausblick um 74 Jahre. Heute, im Jahr 2000, lösen seine Vermutungen einerseits Schmunzeln aus, andererseits aber Erstaunen über die Genauigkeit der Visionen. „Das kommende Zeitalter wird das Zeitalter der Elektrizität sein. Alles deutet darauf hin, dass die Kohle als Energiequelle ausgeschaltet wird. Künftig wird Energie aus gewaltigen Wasserwerken, aus der Luft, dem Wind, dem Erd-innern, den Meereswellen oder der Sonne gewonnen werden.“ So Anton Lübke anno 1926. Was die Bedeutung des elektrischen Stroms betrifft, so hatte er zweifellos Recht, wenngleich aus dem elektrischen längst das elektronische Zeitalter geworden ist und Computer aus keinem Bereich des Lebens mehr wegzudenken sind. Auch manche Visionen im Bereich der Energiegewinnung wurden Wirklichkeit, an Kernenergie freilich dachte 1926 noch niemand.
Mobilität und Fernsehbilder
Lübke 1926: „Alles deutet darauf hin, dass im Jahr 2000 das Bild des Lebens und der Landschaft, was Städtebau, Straßenanlagen oder Bauweise der Häuser betrifft, von Grund auf verändert sein wird. (…) Autos jagen auf besonderen Autostraßen ihrem Ziel zu und verpes-ten nicht mehr durch Benzin die Luft. (…) Flugzeuge durchsausen mit 600 Stundenkilometern, ausgestattet mit Telefonen, die Luft. (…) Mittels elektrischer Fernseher wird man die Ereignisse der Welt betrachten können.“ Wie recht Lübke hatte! Abgesehen davon, dass Autos auch heute noch die Luft verpesten ...
Landwirtschaft und Industrie
„Die Landwirtschaft wird sich vollkommen umgestellt haben“, schreibt Lübke 1926 über das Jahr 2000. „Zugtiere sind vollkommen verschwunden, an ihre Stelle treten Traktoren mit leichten Motoren. Der Boden kann viel tiefer gepflügt werden.“ – Bemerkenswert die Aussagen zur industriellen Entwicklung: „In den schwarzen Indust-riegebieten wird kein Schornstein mehr rauchen. Grüne Anlagen werden das Leben in den düsteren Industriegebieten von einst zu einer Lust machen. In weißen Kitteln werden die Arbeiter in sauberen Fabriken stehen, denn Dampfkessel, Kohle und Dampf gehören der Vergangenheit an.“ Bei aller Technikgläubigkeit schließt Lübke seinen Aufsatz kritisch ab: „Nur wenn wir den inneren Menschen nicht außer Acht lassen, ist der Fortschritt garantiert.“
Expo 2000 in Hannover
Von 1. Juni bis 1. Oktober läuft in Hannover die Weltausstellung zum Thema „Mensch – Natur – Technik: Eine neue Welt entsteht“. 190 Länder präsentieren sich, 40 Millionen Gäste werden erwartet, selbst wenn der Andrang zu Beginn gering war. Der EXPO-Eintritt kostet S 490,– (Normalpreis). Alle EXPO-Informationen: Tel. 0049/20 00