Ali Agca wurde nach 19 Jahren aus lebenslanger Haft in Italien entlassen
Ausgabe: 2000/25, Papst, Attentäter, Johannes Paul II,
20.06.2000
- Walter Achleitner
In Österreich ist aus Anlass des Heiligen Jahres bisher keine Amnestie für Gefangene zu erwarten.
„Die Justiz in Italien war mutig“, meint Hermann Deisenberger, „einen so prominenter Gefangenen, wie den zu lebenslanger Haft verurteilten Papstattentäter Mehmet Ali Agca, nach 19 Jahren freizulassen.“ Und der Leiter der Gefangenenseelsorge in Oberösterreich habe sich persönlich über die Nachricht gefreut. Denn nach 19 Jahren könne eine Person noch einmal neu anfangen. „Je länger aber die Haft dauert“, so Deisenberger, „um so schwieriger wird es, und um so größer sind die haftbedingten Schäden.“ Dass der heute 43-jährige Agca mit der Aussicht auf weitere zehn Jahre Haft in seine Heimat ausgeflogen wurde, bezeichnet Deisenberger als äußerst schwierige Situation für den Häftling: „Einerseits wird er eine Euphorie über die Begnadigung erleben, andererseits muss er unter neuen Haftbedingungen anfangen, die mit Sicherheit härter sind als bisher.“ Entscheidend für die nun erfolgte Begnadigung ist nach Ansicht des Gefangenenseelsorgers die Rolle des Opfers: „Dass der Papst den Täter im Gefängnis besucht und mit ihm persönlich gesprochen hat, war ein so bedeutendes Versöhnungszeichen, das meiner Meinung nach bis heute noch nicht richtig eingeschätzt wird. Und es hat der Justiz sicher geholfen, mutiger zu entscheiden als sonst.“
Öffentliche Meinung
„In der Frage der Begnadigung spielt auch die öffentliche Meinung eine ganz wichtige Rolle“, sagt Dr. Hermann Deisenberger. Ist diese gegenüber einer Person negativ eingestellt, so werde sich die Justiz kaum auf einen derartigen Akt einlassen. „Doch das Medienecho über den Besuch des Papstes in Agcas Zelle hat die Öffentlichkeit positiv beeinflusst.“
Versöhnung im Heiligen Jahr
Zu den Visionen eines Jubeljahres zählt neben dem Schuldenerlass für die Ärmsten auch die Freilassung von Gefangenen. Aus diesem Grund wird am 9. Juli Johannes Paul II. das größte römische Gefängnis besuchen. An diesem Tag besuchen auch Österreichs Bischöfe in ihren Diözesen Gefangene. Zu einer Initiative der Kirche für eine Amnestie aus Anlass des Heiligen Jahres ist es jedoch bisher nicht gekommen. Die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Gefangenenseelsorger Österreichs lädt gemeinsam mit der Bischofskonferenz lediglich „all jene ein, die im Strafvollzugssystem Verantwortung tragen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit großer Phantasie Zeichen der Versöhnung zu setzen, die dem Jubiläumsjahr angemessen sind.“ Auf Madagaskar war es der Kirche gelungen, für 3000 Gefangene zu Ostern eine Amnestie zu erwirken.
Hintergrund:
Bis heute ungeklärt
Mehmet Ali Agca kam am 13. Mai 1981 zur Generalaudienz auf den Petersplatz. Als Johannes Paul II., auf einem offenen Jeep stehend, in seine Nähe kam, zückte der 22-Jährige eine Pistole und gab mehrere Schüsse auf ihn ab. Dieser brach schwer verletzt zusammen, konnte nur durch mehrere Operationen gerettet werden. An den Folgen laboriert der Papst bis heute. Agca wurde von italienischen Polizisten überwältigt, festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. Nie wurden die wahren Hintergründe des Attentats aufgedeckt, denn Agca hatte sich stets als Einzeltäter bezeichnet. Spekulationen, wonach östliche Geheimdienste den Auftrag zum Mord gegeben hätten, machten die Runde. Staatsanwalt Antonio Marini, der bis 1998 die Ermittlungen führte, sagte: „Agca hat nur Lügen erzählt.“Johannes Paul II. hat vier Tage nach dem Attentat von der Gemelli-Klinik aus dem Täter vergeben. Im Dezember 1983 besuchte er Agca in dessen Zelle. Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Ancona wurde Ali Agca am 14. Juni in die Türkei abgeschoben, wo er wegen Mordes an einem Journalisten noch eine fast zehnjährige Haftstrafe absitzen muss. Nach der Rückkehr in seine Heimat wolle er eine Studentin aus Izmir, mit der er in Briefkontakt steht, „heiraten, und ein neues Leben beginnen“, sagte er dem Corriere della Sera.