Sie waren so etwas wie die Psychologen und Psychologinnen der damaligen Zeit, die Mönche und Nonnen der Wüstenklöster. Getrieben von der Sehnsucht, allein für Gott zu leben, zogen sie sich aus der Welt zurück und gingen in die Wüste. Gebet und Arbeit, Einsamkeit und Askese bestimmten ebenso ihr Leben wie die sonntägliche Gemeinschaft. Ihre konkrete Lebensweise, ihre Gedanken und Gefühle besprachen sie mit ihrem Abba, mit ihrer Amma. Geistliche Begleitung und Seelenführung waren das Ziel dieser regelmäßigen Gespräche, gemeinsam wurde der eigene Weg zu Gott betrachtet und hinterfragt. Schon bald kamen Menschen von nah und fern zu den Einsiedlern und Einsiedlerinnen, umderen Rat zu suchen. Die Sprüche der Väter und Mütter (apophthegmata) wurden gesammelt und niedergeschrieben. In ihnen ist spürbar, dass sie der ganz konkreten persönlichen Erfahrung entspringen, dass sie nur bloße Theorie bleiben. Die Sprüche geben Weisung, sie sind voller Weisheit. Allerdings sind in ihnen keine allgemein gültigen Aussagen zu sehen. Jeder dieser Sprüche ist eine Antwort, ein Hinweis füreinen ganz bestimmten Menschen mit seiner jeweiligen Lebenssituation und seinen Fragen und Schwierigkeiten. Die Sehnsucht nach Gott ist es, die wir von den Nonnen und Mönchen lernen können. Eine Sehnsucht, die anstachelt, in die „Wüste“ zu gehen und sich selbst vor Gott auszuhalten.Das Buch schöpft aus der reichen Quelle einer unmittelbaren lebensnahen Spiritualität der frühchristlichen Nonnen und Mönche des vierten bis siebten Jahrhunderts. In verblüffender Weise entspricht es dem heutigen Bedürfnis nach einer Spiritualität von unten, die nicht zuerst den Blick zum Himmel richtet, sondern „bei uns und unseren Leidenschaften“ beginnt. Anselm Grün bringt jene verborgenen Quellen christlicher Ursprünglichkeit für unser Leben zum Fließen.
Anselm Grün, Der Himmel beginnt in dir. Das Wissen der Wüstenväter für heute, Verlag Herder, Freiburg 1999.