Bischof Misago wurde vom Vorwurf der Beteiligung am Völkermord freigesprochen. Doch klare Worte über ihre Rolle während der Massaker in Ruanda blieb die katholische Kirche bisher schuldig.
„Selbst wenn er unschuldig ist, möchte ich nicht, dass er an der Spitze seiner Diözese bleibt.“ Mit diesen Worten beendete am fünften Jahrestag des Völkermordes in Ruanda Staatspräsident Pasteur Bizimungu seine öffentliche Anklage gegen Augustin Misago. Dass bereits sieben Tage später, am 14. April 1999, der Bischof von Gikongoro verhaftet und im Laufe des Prozesses die Anklagen mehrfach abgeändert worden waren, ließ den Verdacht aufkommen, das Verfahren würde zur politischen Abrechnung mit der katholischen Kirche werden. Misago wurde zwar am 15. Juni nach neunmonatigem Verfahren vom Verdacht der Beteiligung am Völkermord freigesprochen, doch die Ereignisse lasten immer noch schwer auf der Kirche des Landes. Denn gerade Kirchen und kirchliche Einrichtungen waren in den Wochen vom 7. April bis zum 4. Juli 1994 Orte, wo Tutsis und moderate Hutus, Zuflucht suchende Christen, geschlachtet worden waren. Gleichzeitig hatten zahlreiche kirchliche Würdenträger engste Beziehungen zum Hutu-Regime und den Verantwortlichen für den Völkermord. Bischof Misago wurde unter anderem vorgeworfen, für ein Massaker im Marienheiligtum Kibeho mitverantwortlich zu sein, bei dem über 15.000 Tutsis hingerichtet worden waren. Dem Team der Verteidiger gelang es, in allen Punkten Zeugen beizubringen, die die Anklage widerlegen konnten. Als spektakulär galt der Auftritt von Jerome Rugema. Laut Staatsanwalt gehörte er einer Gruppe Jugendlicher an, die Misago an massakrierende Hutus ausgeliefert haben soll.
Kursierende Gerüchte
Den Verdacht politischer Abrechnung im Fall Misago sieht ein Mitarbeiter des österreichischen Außenministeriums, der namentlich nicht erwähnt werden will, für kaum gegeben. Seit Ende des Völkermordes seien vielmehr Verdächtigungen gegen den Hutu-Bischof erhoben worden. Der Experte, der bereits kurz nach den Massakern das Land besuchte, meint: „Es gibt keine gesellschaftliche Gruppe, die nicht in den Völkermord verwickelt war. Die katholische Kirche ist nicht ausgenommen. Doch sie hat sich bisher nie zu ihrer Rolle im Genozid geäußert. Auch nicht zu den in Ruanda kursierenden Anschuldigungen, Priester und Ordensleute, die involviert waren, würden vom Vatikan oder ihren jeweiligen Orden gedeckt und hätten im Ausland Unterschlupf gefunden. Gegenwärtig ist in der Aufarbeitung des Völkermordes im Land eine Stimmung zu erkennen, die Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern macht.“ Ebenso blieb ein offener Brief von „African Rights“ an den Papst vom 13. Mai 1998 unbeantwortet. Darin hatte die Menschenrechtsorganisation Johannes Paul II. gebeten, noch vor dem Heiligen Jahr und den Feiern der 100-jährigen Anwesenheit der Kirche in Ruanda im Jahr 2000 die Verdächtigungen und Anschuldigungen gegenüber Bischöfen, Priestern und Ordensleuten kirchenintern aufzuarbeiten und damit einen Beitrag zur Versöhnung zu leisten. Misagos Verteidiger, Alfred Pognon, machte gegenüber der vatikanischen Nachrichtenagentur Fides hingegen darauf aufmerksam, dass die Kampagne gegen seinen Mandanten von „African Rights“ ausgegangen war und dadurch genährt wurde, dass „im Geist und im Herzen das Gift des Hasses und der Rachsucht destilliert wurde“.