Gute Ausbildung: Beste Mitgift für das Leben – auch für Ausländerkinder
Ausgabe: 2000/26, Ausländer, Lernhilfe, Nikolic
27.06.2000
- Hans Baumgartner
Viele Ausländerkinder in den Klassen drücken das Niveau und beeinträchtigen das Schulklima – eine häufige (An)Klage. In Kremsmünster hat hat man das Problem beim Schopf gepackt.
Rund um Kremsmünster gibt es zahlreiche Wirtschaftsbetriebe mit ausländischen Arbeitskräften. In den Pflichtschulen ist es keine Ausnahme, wenn pro Klasse mehr als ein Viertel der Kinder nicht deutschsprachig ist. „Viele dieser Kinder tun sich trotz des Förderunterrichts schwer. Das belastet den Unterricht und macht die Kinder zu Außenseitern. Und wenn sie dann mit negativen Zensuren nach Hause kommen, gibt es Probleme mit den Eltern“, schildert Elisabeth Heinisch die Situation. Ob da die Pfarre nichts tun könnte, wurde die Religionslehrerin gefragt.
Annemarie Lachmayr vom Sozialausschuss der Pfarre ließ sich nicht lange bitten. Die Oma von fünf schulpflichtigen Enkeln weiß, dass es die Kinder ohne Unterstützung und – manchmal auch – sanften Druck von zu Hause in der Schule schwer haben. „Der Großteil der Gastarbeiterfamilien ist sehr fleißig ; oft arbeiten beide Eltern bis in die Nacht hinein – auch, um noch Geld in die Heimat schicken zu können. Für die Kinder bleibt da wenig Zeit. Dazu kommt noch das Sprachproblem.“ Also schaute sich die „Jungpensionistin“ – vor allem in ihrer Atersgruppe – um Mitarbeiter/innen um, die bereit waren, einmal in der Woche ausländischen Kindern bei den Aufgaben zu helfen und mit ihnen zu üben. Und sie freut besonders, dass sich für diese Sache auch Leute ansprechen ließen, die sonst keinen engen Kontakt zur Pfarre haben.
Zwei Gruppen von je 15 Kindern werden seit April 1999 von jeweils vier Betreuern im Pfarrheim „unterrichtet“. Von der Schule kamen bald positive Rückmeldungen, was „uns Omas und Opas natürlich auch guttat“, meint Annemarie Lachmayr lachend. Mindestens ebenso freut sie, dass zu den Kindern eine sehr persönliche Beziehung gewachsen ist, die weit über das Schulische hinausgeht. „Sie kommen zu uns nicht nur strahlend, wenn sie sich um eine Note verbessert haben, sondern auch wenn es Schwierigkeiten gibt.“
Von klein an ausgegrenzt
Auch die Schule hält zu den Betreuern Kontakt, nicht nur um mit ihnen das Lernprogramm abzustimmen, sondern auch um manche Probleme zu entschärfen, berichtet Elisabeth Heinisch. Die Religionslehrerin freut auch, dass es offenbar gelungen ist, die Ängste muslimischer Eltern vor einer „christlichen Vereinnahmung“ ihrer Kinder etwas abzubauen. Schön sei auch zu erleben, wie gut in den Lerngruppen türkische, bosnische, serbische und kroatische Kinder miteinander auskommen. „Die Schule hat sich jetzt ausdrücklich bei den Betreuer/innen für ihren tollen Einsatz bedankt“, erzählt Heinisch. „Mit dieser Arbeit“, so ist sie überzeugt, „wird ein wesentlicher Grundstein für die Zukunft gelegt. Denn ohne ordentliche Schulausbildung ist der Berufseinstieg und damit die Integration schon verhunzt. Sie bleiben von klein an benachteiligt und ausgegrenzt.“Ein Pionier der Lernhilfe für ausländische Kinder ist Paul Nikolic vom Gastarbeiterreferat in Feldkirch. Vor 20 Jahren hat er dieses Projekt ins Leben gerufen. Rund 120 Mitarbeiter/innen in einem Dutzend Pfarren geben wöchentlich ein- bis zweimal Lernunterstützung. Da sie das meist in den eigen vier Wänden tun, bauen sich auch viele persönliche Beziehungen auf. Für die Lernbetreuer/innen gibt es eine Einschulung und einen jährlichen Gedankenaustausch. Ein/e Verantwortliche/r vor Ort kümmert sich um die Organisation und den laufenden Kontakt zu den Schulen.
Zur Sache
Caritas begrüßt ersten Schritt
„Wer legal in Österreich lebt, soll hier aus arbeiten können“, kündigte Innenminister Strasser eine neue Linie bei der Ausländerbeschäftigung an. Der Erlass zum „erleichterten Arbeitsmarktzugang integrierter Ausländer“ von Wirtschaftsminister Barteinstein ist ein erster Schritt. „Integration vor Zuzug“ heißt es im Regierungsprogramm zur Ausländerpolitik. Dass Ausländer, die eine Aufenthaltsbewilligung haben, auch legal arbeiten dürfen, ist eine alte, zentrale Integrationsforderung der Caritas. Der Erlass von Wirtschaftsminister Bartenstein ist ein „erster Schritt“ dahin, sagt Andrea Huber, Flüchtlingsreferentin der Caritas. Zum begünstigten Personenkreis gehören Ehefrauen von Gastarbeitern, die seit fünf Jahren in Österreich leben, Jugendliche, die die Hälfte der Schulzeit in Österreich verbracht und den Schulabschluss in Österreich gemacht haben, und Flüchtlinge, deren Asylantrag zwar abgelehnt wurde, die aber aufgrund ihrer Gefährdung nicht abgeschoben werden können. Anerkannte Flüchtlinge bekamen schon bisher eine Arbeitsbewilligung.
Als „verbesserungswürdig“ bezeichnet Huber den Erlass in drei Punkten: Nichtabschiebbare Flüchtlinge sollten nicht zwei Jahre auf eine Arbeitserlaubnis warten müssen, das treibe sie weiter auf den Schwarzmarkt. Jugendliche (Kinder) von legal in Österreich lebenden Ausländern sollten ohne Einschränkung (Schule, Einreiseantrag vor 1. 1. 98) arbeiten dürfen. Da die neue Regelung ohne Erhöhung der Quote erfolgt, wäre es ein Gebot der Stunde, Ausländer, die bereits länger (z. B. fünf Jahre) hier arbeiten, vom Ausländerbeschäftigungsgesetz auszunehmen.