- Kirchenzeitung der Diözese Linz, Stefan Schlager
Während die Welt zum Internet-Dorf zusammenwächst, wird gleichzeitig der „Eiserne Vorhang“ in den Köpfen hochgezogen. Eucharistie ist gefährlich – sie sprengt Grenzen.
Ist es nicht faszinierend, mit welcher Geschwindigkeit Menschen heute Grenzen passieren können? So ist es z. B. mit Hilfe des Internets möglich, via Knopfdruck Zugang zum gespeicherten Wissen der ganzen Welt zu bekommen. Innerhalb kürzester Zeit sind Informationen aus allen Bereichen – über Weltreligionen, Gentechnik, Politik, Medizin, Länder – zugänglich. Selbst das Nachschlagen in großen Lexikas oder der Besuch von Museen ist kein Problem. Aber auch das Verschwinden von realen Grenzbäumen ist bereits erfahrbar – etwa innerhalb der EU.
Neue Grenzen gezogen
Und dennoch gibt es – trotz dieser „Grenzüberwindungen“ – die andere Erfahrung: neue Grenzen werden gezogen, um den eigenen Bereich zu schützen. Es werden Grenzen gezogen zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd, zwischen Wohlstand und Armut, zwischen Hoch- und Weniger-Entwickelten. Es bleibt zu hoffen, dass diese Grenzen nicht unsere Wahrnehmung, unsere Herzen, unser Handeln einengen und den Blick auf unsere Mitmenschen und deren Wohl verstellen.
Grenzziehungen, Ausgrenzungen erfahren Menschen aber auch innerhalb des eigenen Landes, des eigenen Ortes. Mit wie viel Hindernissen „Ausländer“, Kranke, Alte, „Behinderte“, Arme, weniger leistungsfähige oder auch Frauen oft konfrontiert werden, ist beschämend! Gott sei Dank gibt es nicht wenig couragierte Frauen und Männer, die solche Grenzen abbauen helfen. Grenzüberwindung – darum geht es auch bei der Eucharistiefeier. So sind Arme und Reiche, Frauen und Männer, Einflussreiche und Einflusslose, Ausländer und Inländer, Gesunde und Kranke, Junge und Alte … zum Mahl mit dem Auferstandenen geladen. Die Eucharistie ist daher ein „Ort gegen Ausgrenzung“, ein Ort, wo das Miteinander – trotz Unterschiede – wenigstens anfanghaft erlebt werden kann, ein Kraft-Impuls und Wegweiser für den schwierigen Alltag.
Nicht verschwunden
Und noch eine Grenze wird gesprengt: Christen feiern Eucharistie im Bewusstsein, dass die Verstorbenen (!) an der Mahlgemeinschaft teilnehmen. Die, die eigentlich vom weiteren Lauf der Welt ausgegrenzt scheinen, aus dem Leben gerissen wurden und „von der Bildfläche verschwunden sind“, haben Zukunft! Wir dürfen vertrauen, dass die Toten nicht einfach vergangen sind – und mit ihnen ihr Leben, ihre Hoffnungen, ihre Freuden und Tränen, ihre Mühen. Nein, sie leben vielmehr, sie erreichen ihr Ziel und finden Gemeinschaft – durch Gott und bei Gott. Garant dafür ist Jesus – der Lebendige, der Auferweckte –, der zum Mahl einlädt. Die Gemeinschaft zwischen Lebenden und „Toten“ ist somit nicht endgültig und brutal abgerissen, sondern sie geht weiter in verwandelter – sicher auch versöhnter – Form. Diese Gemeinschaft mit den Toten ist zugleich eine große Chance, dass das eigene Leben an Menschlichkeit, Weisheit und „Qualität“ gewinnt (siehe Bedenktext). Selbst vor der Grenze des Todes macht dieses Mahl keinen Halt! Das Memento im Hochgebet erinnert uns daran.
Schwache und Tote
Die Eucharistie ist eine Feier die Grenzen sprengt. Möge sie doch auch in unserem Alltag ihre Kraft entfalten und Mut machen zum Überwinden von Grenzen. Übrigens – es gibt wichtige „Gradmesser“ für die Humanität einer Gesellschaft. Zwei davon sind: Wie geht man mit den „Schwachen“ um und welchen Stellenwert haben die Toten?!
Bedenk-Text
Was uns die Toten sagen Denke daran, dass du auch sterben musst.
Der Tod ist nicht das Letzte. Du wirst leben.
Wenn du stirbst, wirst du nicht mitnehmen, was du hast, sondern was du gegeben hast.
Du darfst dich mit deinen Grenzen annehmen.
Alles, was du an Liebe, an Gerechtigkeit und an Frieden geschenkt hast, wird unvergänglich bleiben.
Deine Schuld wird dir vergeben werden.
Gottes Liebe, Großzügigkeit und Gerechtigkeit wird dich aufrichten.
Du lebst nicht umsonst.
Aus: P. Neysters/K. H. Schmitt, Denn sie werden getröstet werden. Das Hausbuch zu Leid und Trauer, Sterben und Tod.